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Macht eine Promotion heute noch Sinn?

Von Doris Brenner und Melanie Schumacher

Viele junge Hochschulabsolventen stehen vor der Frage, ob Sie nach ihrem Masterabschluss ihren Weg in der akademische Welt beenden oder mit einer Promotion weiterführen sollen. Folgt man den Ergebnissen des aktuellen Bundesberichts Wissenschaftlicher Nachwuchs (BuWiK) 2025 so zeigt sich, dass eine Promotion sich nach wie vor lohnt.

Eine Promotion lohnt sich

Promovierte Fachkräfte sind am Arbeitsmarkt mit einer Arbeitslosenquote von unter 2 % nahezu voll beschäftigt. Auch belegt der Bericht, dass promovierte Fachkräfte signifikant häufiger Führungspositionen einnehmen als nicht-promovierte Hochschulabsolventinnen und -absolventen. Zehn Jahre nach der Promotion sind 40 % der Promovierten in einer Leitungsposition tätig, im Vergleich zu 25 % der Bachelor- und Masterabsolventinnen. Also durchaus ein Argument für eine Promotion, auch wenn danach eine Karriere außerhalb der Wissenschaftswelt geplant wird. 

Promotion als Start in die wissenschaftliche Karriere

Für all diejenigen, die eine universitäre Laufbahn anstreben, ist eine Promotion in der Regel zwingende Voraussetzung. Hier stellt sich dann die Frage, ob nach der Promotion die akademische Karriere letztendlich mit dem Ziel einer Professur fortgesetzt werden soll.  

Zwar bleibt die hohe Befristungsquote im akademischen Mittelbau ein Problem. So sind 90 % des wissenschaftlichen Personals unter 45 Jahren weiterhin befristet beschäftigt. Besonders drastisch ist die Lage bei den unter 35-Jährigen: Hier liegt die Befristungsquote bei 98 %. Doch Initiativen zur Verbesserung der Rahmenbedingungen und zur Chancengleichheit zeigen erste Erfolge. So hat sich die Zahl der sogenannten Tenure-Track-Professuren in den letzten Jahren verdoppelt. Dieses Modell bietet jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern eine planbare Karriereperspektive: Wer sich in einer befristeten Phase bewährt, erhält eine unbefristete Professur.

Auch wenn die Vertragslaufzeiten und der Frauenanteil in frühen Karrierephasen steigen, bleibt doch der Weg zur Professur für viele steinig und unsicher. Befristungen erschweren planbare Karrieren und treiben Talente aus der Wissenschaft.

Soll ich promovieren? Fragen, die Sie sich im Vorfeld stellen sollten

Bevor Sie sich für eine Promotion entscheiden, sollten Sie sich im Vorfeld auch Gedanken über verschiedene Aspekte machen. Hier ein paar Anregungen:

Hinterfragen Sie Ihre Motivation: Was steckt hinter dem Wunsch nach einer Promotion – ist es das Interesse an wissenschaftlicher Arbeit und Forschung oder erhoffen Sie sich vom Doktortitel einen Karriereschub? Ist es wirklich Ihre tiefe, innere Motivation oder rührt der Wunsch nach einer Promotion aus Wünschen, die von außen an Sie herangetragen werden?

Was sind Ihre beruflichen Ziele? Streben Sie eine Laufbahn in der Wissenschaft bzw. in der Forschung/Entwicklung an oder eine Karriere in der Verwaltung oder in der Wirtschaft? – Informieren Sie sich im Vorfeld, gerade wenn Sie nicht forschungsnah arbeiten möchten, ob im angestrebten Bereich eine Promotion eventuell sogar als überqualifiziert angesehen werden könnte.

Passt Ihre Persönlichkeit zum Promotionsvorhaben? – Eine Promotion dauert in der Regel drei bis fünf Jahre und erfordert viel Eigenmotivation, Durchhaltevermögen und Disziplin. Haben Sie diese Eigenschaften in Ihrem bisherigen Lebenslauf unter Beweis gestellt bzw. sind Sie bereit, dies über einen längeren Zeitraum (erneut) zu zeigen? Außerdem sollten Sie sich fragen, wie Sie mit Kritik und Frustration umgehen können. Denn Rückschläge gehören zur Promotion dazu. Überlegen Sie sich also Strategien für einen konstruktiven Umgang damit.

Kompetenzen: Wissenschaftliches Arbeiten erfordert spezielle Kompetenzen. Haben Sie die nötigen Fachkompetenzen, um das Promotionsthema zügig bearbeiten zu können oder müssen Sie sich zunächst noch umfangreich fachlich einarbeiten? Verfügen Sie über die erforderlichen methodischen Kompetenzen wie analytisches Denken, Problemlösen, Themen in der Tiefe bearbeiten oder auch wissenschaftliches Schreiben und Präsentieren? Schließlich werden auch soziale Kompetenzen in der Promotionszeit gefordert. So benötigen Doktoranden, die in Projekten arbeiten, die Fähigkeit zur Teamarbeit und insbesondere, wenn Sie eine wissenschaftliche Karriere anstreben, sollten Sie sich schon früh im Netzwerken üben.

Finanzielles: Wie sieht Ihre finanzielle Situation aus? Reicht die Vergütung der oftmals in Teilzeit vergebenen Promotionsstellen aus? Erhalten Sie ein (ausreichend dotiertes) Stipendium? Denken Sie auch daran, dass Promotionsvorhaben mitunter länger dauern – ist auch dann Ihre Finanzierung gesichert?

Rahmenbedingungen: Erfordert die Promotion Flexibilität mit Arbeiten bzw. Reisen ins Ausland und lässt sich dies mit Ihrem persönlichen Umfeld vereinbaren? Wie sieht die Betreuungssituation aus? Erhalten Sie Unterstützung von Betreuern, gibt es beispielsweise regelmäßige Kolloquien, in denen man sich in der Gruppe austauscht und unterstützt?

Eine Promotion ist bereichernd und auch herausfordernd. Je intensiver Sie die hier (nicht erschöpfend) genannten Aspekte durchdenken, umso mehr können Sie eine kluge Entscheidung hinsichtlich eines Promotionsvorhabens treffen.

Fazit: Eine Promotion eröffnet vielfältige Möglichkeiten – sei es innerhalb der Wissenschaft oder darüber hinaus. Doch sie ist kein Selbstläufer. Wer promovieren möchte, sollte sowohl die persönlichen Voraussetzungen als auch die strukturellen Gegebenheiten sorgfältig prüfen. Je gründlicher Sie Ihre Entscheidung vorbereiten, desto besser können Sie den für sich passenden Weg wählen – gegebenenfalls auch mit Unterstützung durch professionelle Karriereberatung.

Autoreninformation

Doris Brenner ist Wirtschaftswissenschaftlerin mit langjähriger Erfahrung in Fach- und Führungspositionen in der Industrie. Als Karriereberaterin und systemischer Coach hat sie u.a. zahlreiche (Nachwuchs)-Wissenschaftler in Karriereentscheidungen unterstützt und begleitet. Doris Brenner ist Initiatorin und Gründungsvorstand der DGfK Deutsche Gesellschaft für Karriereberatung e.V.

Melanie Schumacher ist Diplom-Kauffrau, systemischer Coach, Karriereberaterin und ZRM-Coach. Sie hat sich mit ihrem Beratungsunternehmen Karriere&Perspektiven auf berufliche Neuorientierung spezialisiert und begleitet u.a. (Nachwuchs-)Wissenschaftler auf ihrem Weg „raus aus der Wissenschaft“. Seit 2017 ist sie Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Karriereberatung e.V. und seit 2022 als stellvertretende Vorständin aktiv.

Karriereberatung im Dickicht der Transformation – zur neuen Rolle als Prozessbegleiter

Von Silke Rusch

Karriereberatung ist schon lange mehr als reine Jobvermittlung. In Transformationsprojekten werden Karriereberaterinnen und -berater nun zu entscheidenden Begleiterinnen und Begleitern für Mitarbeitende und Organisationen – weit über den Trennungsprozess hinaus. Wie gelingt es, emotionale Stabilität zu fördern, Orientierung zu geben und Zukunft aktiv zu gestalten? Dieser Karrierespot zeigt, wie wir als externe Beratenden Veränderung menschlich, professionell und wirksam begleiten können.

Transformation braucht Begleitung

Transformationen sind längst kein Ausnahmezustand mehr, sondern begleiten Unternehmen kontinuierlich – getrieben durch Digitalisierung, neue Geschäftsmodelle, kulturellen Wandel oder externe Krisen. Konzerne und auch KMU nutzen zunehmend strukturelle interne Einheiten, in die Mitarbeitende im ungekündigten Arbeitsverhältnis beispielweise für mehrere Monate versetzt werden und die Gelegenheit erhalten, sich dort als primäre Aufgabe mit ihrer beruflichen Neuorientierung zu beschäftigen. In der Presse wird über derartige Abteilungen als Drehscheiben oder Transfereinheiten berichtet.

Für Mitarbeitende bedeutet diese Versetzung häufig: Unsicherheit, Rollenveränderungen, ein Infragestellen der bisherigen beruflichen Identität. In dieser komplexen Gemengelage übernehmen wir Karriereberaterinnen und -berater eine zentrale Rolle – nicht mehr nur als Expertinnen und Experten für berufliche Veränderung, sondern als prozessbegleitende, empathische Sparringspartnerinnen und -partner auf Augenhöhe.

Idealerweise unterstützen wir das Gelingen der Transformation bereits in der Konzeptionsphase durch Kommunikationstrainings und Coachings für Führungskräfte und Entscheider im Unternehmen.

Frühzeitig ansetzen – auch ohne Kündigung

Unsere Beratungsarbeit mit den einzelnen betroffenen Mitarbeitenden beginnt oft lange bevor eine Kündigung ausgesprochen oder ein Aufhebungsvertrag unterbreitet wird. Wir schaffen in diesen Projekten einen neutralen Raum, frei von internen Interessen und Dynamiken, in welchem wir individuelle Fragen klären können, in dem Ängste und Wünsche offen ausgesprochen und bearbeitet werden können. Diese frühzeitige Begleitung wirkt stabilisierend, fördert Eigenverantwortung und eröffnet echte Perspektiven – ob innerhalb oder außerhalb der Organisation.

Emotionale Stabilität als Schlüssel

Wir bieten emotionale Sicherheit in einer Phase, in der vieles unsicher ist. Wir helfen, Kompetenzen zu identifizieren, Zukunftsszenarien zu entwickeln und den persönlichen Handlungsspielraum zu erkennen. Dabei geht es nicht nur um klassische Karriereberatung, sondern um tiefgehende Reflexion, persönliche Entwicklung und tragfähige Entscheidungen.

Innere Klarheit schafft neue Perspektiven

Ein Beispiel aus der Praxis: Eine Klientin, langjährig im Unternehmen tätig, stand im Zuge einer Umstrukturierung ohne klare Anschlussrolle da. Die Aussicht auf interne Optionen wirkte diffus, die Selbstzweifel wuchsen. In der Beratung schärfte sie ihr Kompetenzprofil, formulierte klare Kriterien für eine neue Aufgabe, nutzte die Zeit für eine passende, berufliche Weiterbildung – und erkannte so, dass sie mit ihren, teils neu erworbenen Fähigkeiten, intern stark gefragt war. Sie entschied sich bewusst für eine neue Rolle im Unternehmen – mit neuer Energie und neuem Selbstbewusstsein.

Selbstbestimmte Übergänge ermöglichen

Aber auch externe Wege begleiten wir aktiv und konstruktiv. In einem anderen Fall entschied sich ein Klient frühzeitig für einen freiwilligen Ausstieg, da er sich im neuen Unternehmensmodell nicht mehr wiederfand. Durch unsere gemeinsame Arbeit gewann er Sicherheit in der Entscheidungsfindung, baute gezielt ein neues Netzwerk auf, aktualisierte sein Kompetenzprofil und positionierte sich erfolgreich im Markt. Heute ist er in einer für ihn passenderen Organisation tätig – mit dem Gefühl, den Wechsel selbstbestimmt gestaltet zu haben.

Blick nach außen – Märkte, Kompetenzen, Trends

Dabei behalten wir immer auch den Blick nach außen: Arbeitsmarkttrends, sich wandelnde Kompetenzprofile und neue Lernwege fließen aktiv in unsere Beratung ein. Wir unterstützen beim Erwerb von Zukunftskompetenzen, helfen bei der Auswahl passender Weiterbildungen und fördern die aktive Gestaltung der eigenen Employability.

Karriereberaterinnen und -berater bauen Brücken

Im Zusammenspiel mit HR und Führungskräften bauen wir Brücken zwischen individueller Entwicklung und Unternehmenszielen. Wir fördern Eigenverantwortung, stärken Veränderungsfähigkeit und tragen dazu bei, Transformation als gestaltbaren Prozess zu erleben – nicht als Kontrollverlust.

Ob in Konzernen oder im Mittelstand: Entscheidend ist nicht die Größe der Organisation, sondern die Haltung, mit der wir beraten. Wir geben Impulse, befähigen zur Reflektion und begleiten die Prozesse in einer sich wandelnden Arbeitswelt – auch und gerade für die erfolgreiche Durchführung von Transformationsprojekten innerhalb von Organisationen.

Autoreninformation

Silke Rusch ist Mitglied der DGfK und Inhaberin von Rusch Consulting & Coaching, einem Anbieter für ganzheitliche Beratung und Begleitung in beruflichen Veränderungssituationen.

Mehr Flow – weniger Kampf

Mehr Flow – weniger Kampf

Von Josef Albers

Wie Du mit neurowissenschaftlich fundierten Methoden endlich ins Tun kommst

Fällt es Dir schwer, begonnene Aufgaben konsequent zu Ende zu bringen? Oder zögerst Du immer wieder, mit wichtigen Projekten überhaupt erst anzufangen?

Viele meiner Klient:innen kämpfen mit Aufschieberitis. Prokrastination ist kein Zeichen von Faulheit – sondern oft ein Hinweis darauf, dass Körper und Geist nicht im Einklang arbeiten. Der Wille ist da, die To-do-Liste klar – und trotzdem geht wenig voran.

Aber was wäre, wenn es einen Zustand gäbe, in dem wir mit Leichtigkeit ins Handeln kommen – konzentriert, fokussiert, effektiv? Genau das ist der Flow.

Flow – der natürliche Gegenspieler zur Prokrastination

Der Begriff „Flow“ stammt aus der Psychologie und beschreibt einen Zustand völliger Vertiefung in eine Aufgabe. Alles fließt – Zeit, Energie, Fokus. Es ist das Gegenteil von innerem Widerstand, von geistiger Trägheit oder Zersplitterung.

Neurobiologisch betrachtet ist Flow ein Hochleistungszustand. Wenn wir im Flow sind, schüttet unser Gehirn Botenstoffe wie Dopamin, Noradrenalin und Anandamid aus – eine Art körpereigener „Produktivitäts-Cocktail“. Gleichzeitig reduziert sich die Aktivität im präfrontalen Cortex – dem Teil unseres Gehirns, der für Selbstkritik und Zweifel zuständig ist. Das Ergebnis: Wir denken weniger über das Denken nach – und handeln.

Warum Flow im Berufsleben besonders wertvoll ist

Führungskräfte und Wissensarbeiter:innen arbeiten in komplexen, oft unübersichtlichen Settings. Multitasking, Dauerunterbrechungen und Entscheidungsdruck gehören zum Alltag. Genau hier kann Flow Dir helfen – nicht nur, um effizienter zu werden, sondern auch, um wieder Freude an der Umsetzung zu spüren.

Denn Flow-Zustände:

  • fördern fokussiertes Arbeiten trotz Reizüberflutung
  • steigern die Qualität und Geschwindigkeit der Ausführung
  • wirken stressreduzierend und regenerierend
  • unterstützen den Zugang zu Kreativität und Problemlösung
  • stiften Sinn und erhöhen die Selbstwirksamkeit

Drei Wege in den Flow

  1. Klare Ziele setzen – und den nächsten Schritt definieren
    Unser Gehirn liebt Klarheit. Wer nicht weiß, was konkret zu tun ist, gerät schnell ins Grübeln statt ins Handeln. Formuliere deshalb keine „großen Vorhaben“, sondern präzise Mikroziele. Jedes Ziel bringt einen Erfolg, der weiter motiviert.
  2. Die richtige Herausforderung wählen
    Flow entsteht im optimalen Spannungsfeld zwischen Überforderung und Unterforderung. Passe Schwierigkeit und Dauer an Deine Tagesform an – und justiere nach.
  3. Ablenkungen konsequent minimieren
    Flow braucht Fokus. Für 30 bis 90 Minuten solltest Du in einer „geschützten Zone“ arbeiten – ohne Mails, Handy oder parallele Projekte.

Für alle, die’s genauer wissen wollen: Ein Buchtipp

Eine gelungene Zusammenfassung neurowissenschaftlicher Erkenntnisse liefert das Buch „Follow Your Flow“ von Frederik Hümmeke (2024). Der Autor beschreibt ein auf unserer Biologie basierendes Produktivitätssystem, das leicht an den Alltag angepasst werden kann.

Besonders überzeugend:

  • Der Fokus auf natürliche Energieverläufe statt rigider Zeitpläne
  • Der Verzicht auf Pseudomotivations-Tricks
  • Die Verbindung von aktueller Hirnforschung und praktischen Handlungsanleitungen

Fazit: Wirksamkeit ist lernbar – Flow ist trainierbar

Wer sich wünscht, wieder mit mehr Leichtigkeit ins Tun zu kommen, sollte nicht auf Disziplin allein setzen. Sondern auf Struktur, Klarheit – und Flow.

Wenn Du das Gefühl hast, bei Dir selbst nicht weiterzukommen, kann ein externer Blick helfen. Professionelle Karriere-Beratung unterstützt Dich dabei, die richtigen Weichen zu stellen – für ein zufriedenes Berufs- und Privatleben.

Autoreninformation

Josef Albers ist Diplom-Psychologe und hat sich mit seinem Beratungsunternehmen Kernfindung auf berufliche Zielfindung spezialisiert. Er ist seit 2006 Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Karriereberatung e.V.

Post-Achievement-Leere: Wie finde ich neue Ziele und Energie nach einem Karriere-Meilenstein?

Von Heidi Steinberger

Der Moment nach dem Höhepunkt

Jahrelang arbeitet man auf ein großes Ziel hin – sei es die Beförderung in eine Führungsposition, der erfolgreiche Abschluss eines komplexen Projekts oder der Aufbau eines eigenen Unternehmens. Doch kaum ist das Ziel erreicht, stellt sich nicht selten ein Gefühl der Leere ein. Anstelle der erwarteten Euphorie folgt eine Phase der Orientierungslosigkeit. Was nun? Wofür aufstehen, wenn das große Ziel, das so lange den Alltag bestimmt hat, plötzlich wegfällt? Dieses Phänomen ist als Post-Achievement-Leere oder Post-Erfolgs-Depression bekannt. Es betrifft nicht nur Spitzensportler, sondern auch Führungskräfte, Unternehmer und ambitionierte Fachkräfte, die über Jahre auf einen bestimmten Meilenstein hingearbeitet haben. Die Herausforderung besteht nun darin, neue Ziele zu definieren – und vor allem die Energie aufzubringen, sie mit derselben Begeisterung zu verfolgen.

Warum fällt es so schwer, nach einem großen Erfolg neue Ziele zu setzen?

Wenn ein bedeutender beruflicher Erfolg erreicht ist, entsteht oft ein Vakuum. Dafür gibt es mehrere Gründe:
  1. Identitätsverlust: Wer sich über Jahre stark mit einer Position, einem Projekt oder einer Karriereentwicklung identifiziert hat, kann nach dessen Abschluss das Gefühl bekommen, dass ein Teil der eigenen Identität fehlt.
  2. Dopamin-Abfall: Der Weg zum Ziel war von Motivation, Herausforderungen und Belohnungen geprägt. Ist das Ziel erreicht, fehlt die tägliche Dosis Dopamin – das „Motivationshormon“.
  3. Fehlende äußere Struktur: Während eines ambitionierten Karriereweges gibt es klare Strukturen, Deadlines und Feedbackmechanismen. Ist das Ziel erreicht, muss diese Struktur neu geschaffen werden.
  4. „War das schon alles?“-Gefühl: Manche Menschen hinterfragen nach großen Erfolgen, ob der Einsatz es wert war oder was nun noch kommen kann, das ebenso erfüllend ist.

    Wie lassen sich neue Ziele identifizieren?

    Der Schlüssel, um aus diesem Zustand herauszukommen, liegt nicht nur im nächsten Karriereziel, sondern in einer bewussten Reflexion und Neuausrichtung. Hier sind einige Ansätze:
    1. Eigene Werte und intrinsische Motivation hinterfragen Anstatt sich sofort in das nächste große Projekt zu stürzen, hilft es, innezuhalten und sich zu fragen:
      • Was hat mich an meinem bisherigen Ziel wirklich motiviert?
      • Welche Aspekte meines Erfolges haben mir die größte Zufriedenheit gegeben?
      • Welche Werte sind mir im Berufsleben am wichtigsten?
      Diese Reflexion kann aufzeigen, welche Art von Zielen wirklich sinnstiftend ist.

    2. Ein Spektrum an Karrierezielen aufbauen Oft fixieren wir uns auf ein einziges großes Ziel. Nachhaltiger ist es, ein breites Spektrum an Zielen zu haben:
      • Kurzfristige Ziele: Kleine, erreichbare Herausforderungen, die schnell Erfolgserlebnisse bringen, z. B. die Weiterentwicklung einer bestimmten Fähigkeit oder der Aufbau eines neuen Netzwerks.
      • Mittelfristige Ziele: Projekte oder Weiterentwicklungen, die über Monate hinweg motivieren, z. B. eine neue Position anstreben oder ein wichtiges berufliches Netzwerk ausbauen.
      • Langfristige Ziele: Visionen für die nächsten Jahre, die eine größere Richtung vorgeben, z. B. die strategische Entwicklung der eigenen Karriere oder der Aufbau einer eigenen Unternehmung.

    3. Den Fokus auf persönliches Wachstum legen Anstatt das nächste messbare Karriereziel zu suchen, kann es sinnvoll sein, den eigenen Entwicklungspfad in den Mittelpunkt zu stellen:
      • Welche Fähigkeiten möchte ich weiterentwickeln?
      • Welche neuen Herausforderungen reizen mich?
      • Welche beruflichen Rollen kann ich aus einer neuen Perspektive betrachten?

    4. Den Sinn in neuen Aufgaben erkennen Manchmal liegt die nächste erfüllende Aufgabe nicht in einem weiteren Aufstieg, sondern in neuen Facetten des Berufslebens – sei es Mentoring, Wissenstransfer oder der Einstieg in ein neues Themengebiet.

    5. Ein neues Energie-Level aufbauen Nach einer intensiven Karrierephase ist es normal, dass die Energiereserven aufgebraucht sind. Bevor neue Ziele mit voller Kraft angegangen werden, ist es essenziell:
      • Sich bewusst Zeit für Erholung und Regeneration zu nehmen.
      • Körperlich und mental neue Energiequellen zu erschließen (z. B. durch Sport, Meditation, Weiterbildung).
      • Nicht aus einem Gefühl der Leere heraus zu handeln, sondern aus einer wiedergewonnenen inneren Stärke.

    Fazit: Erfolg als Prozess, nicht als Endpunkt

    Nach einem großen Karrieremeilenstein in ein Loch zu fallen, ist kein Zeichen von Schwäche, sondern ein natürlicher Prozess. Die entscheidende Frage ist: Was kann aus dieser Phase erwachsen? Wer sich bewusst Zeit für Reflexion nimmt, sich mit seinen intrinsischen Werten auseinandersetzt und neue Perspektiven einnimmt, wird nicht nur neue Ziele finden – sondern auch mit neuer Energie an sie herangehen.

    Autoreninformation

    Heidi Steinberger ist langjähriges Mitglied der DGfK – Deutsche Gesellschaft für Karriereberatung e.V., LinkedIn Top Voice und Xing Insiderin. Sie unterstützt als Personalberaterin, Karriere-Coachin und Expertin für Potenzialermittlung Menschen dabei, ihre Stärken zu erkennen und erfolgreich ihre beruflichen Ziele zu erreichen.

    Jobkrise? Warum Ihr nächster Karriereschritt in einem Bild stecken könnte

    Von Melanie Schumacher

    Sie fühlen sich zunehmend gestresst im Job? Sie haben bereits viele Gespräche geführt, unterschiedliche Ratschläge gehört und verschiedene Lösungswege durchdacht – doch nichts hat wirklich etwas verändert? Vielleicht haben Sie sogar schon mit dem Gedanken gespielt, Ihren Job zu kündigen, obwohl Ihr Arbeitsplatz grundsätzlich attraktiv ist. Bevor Sie diesen Schritt gehen, sollten Sie eine alternative Herangehensweise in Betracht ziehen: die Arbeit mit Bildern. Lesen Sie dazu hier einen Fallbericht.

    Coachingfall: Klient S. auf der Suche nach beruflicher Klarheit

    Mein Klient S. hatte eine Teamleitungsposition bei einem renommierten Unternehmen – eigentlich seine Traumstelle. Doch seit einigen Monaten fühlte er sich zunehmend unwohl und gestresst. Seine Unzufriedenheit wuchs so stark, dass er nicht nur seine aktuelle Position, sondern sogar seine gesamte Berufswahl infrage stellte.

    An diesem Punkt kontaktierte mich S. mit dem Wunsch nach einer Standortbestimmung. Er suchte Klarheit über die Ursachen seiner beruflichen Unzufriedenheit sowie Impulse für mögliche Lösungsstrategien.

    Zu Beginn interessierte mich vor allem seine eigene Sicht auf die Situation und seine Erklärungsansätze. Schnell wurde deutlich, dass er häufig Verantwortung übernahm, dabei jedoch regelmäßig seine eigenen Grenzen vernachlässigte. Wir erarbeiteten verschiedene Ansätze zur Selbstfürsorge. Vieles hatte er bereits ausprobiert – mit mäßigem Erfolg. Eine klare Lösung schien zunächst nicht in Sicht.

    An diesem Punkt schlug ich ihm ein Experiment vor: die Arbeit mit Bildern.

    Die wissenschaftliche Grundlage: Warum arbeiten wir im Coaching mit Bildern?

    Die kognitive Psychologie unterscheidet zwei grundlegende Systeme der Informationsverarbeitung: das explizite, bewusste Denken (Verstand) und das implizite, unbewusste Erfahrungswissen. Während der Verstand strukturiert, analytisch und sprachlich operiert, verarbeitet das Unbewusste Informationen auf einer intuitiven und emotionalen Ebene. Evolutionsbiologisch betrachtet ist das Unbewusste älter als der rationale Verstand und beeinflusst unser Handeln maßgeblich durch automatisierte Reaktionsmuster.

    Da sich viele unserer Handlungsimpulse aus diesem unbewussten Erfahrungsschatz speisen, ist es essenziell, diesen Bereich in den Lösungsprozess einzubeziehen. Die Arbeit mit Bildern stellt eine effektive Möglichkeit dar, unbewusste Ressourcen zu aktivieren und neue Handlungsperspektiven zu erschließen. So können emotionale und gedankliche Prozesse tiefgehender angesprochen werden als durch rein sprachbasierte Interventionen. Dies erlaubt neue Impulse bei einer Vielzahl von Fragestellungen.

    Motivierende Selbstfürsorge mit dem Wellenreiter

    Mein Klient wählte spontan das Bild eines Wellenreiters für sein Thema: „Wie kann ich gut für mich sorgen?“ Sofort tauchten Erinnerungen an eine längere Auszeit in Neuseeland auf, die er zwischen zwei Jobs verbracht hatte. Als ich ihn bat, davon zu erzählen, lächelte er und schilderte begeistert das Wellenreiten, die Bewegung in der Natur und das Gefühl grenzenloser Freiheit. Dabei wurde ihm bewusst, wie sehr ihm diese Zeit in der freien Natur fehlte.

    Gemeinsam entwickelten wir einen Plan, um seine Arbeitszeit zu reduzieren. Mit dem Bild des Wellenreiters vor Augen spürte er Zuversicht – er erkannte, dass sein Job ihm genau die Freiheit ermöglichen kann, die er damit verbindet. Sein Arbeitgeber stand einer Reduzierung der Arbeitszeit offen gegenüber, und auch finanziell blieb ihm genug Spielraum, um regelmäßig Zeit in der Natur zu verbringen.

    Fazit: Mit Bildern neue berufliche Klarheit finden

    Die Fallstudie zeigt, dass sich festgefahrene berufliche Situationen nicht immer allein durch logische Analyse lösen lassen. Vielmehr kann die gezielte Integration bildhafter Elemente neue Impulse freisetzen und einen tieferen Zugang zu individuellen Bedürfnissen eröffnen. Dadurch wird das Unbewusste angesprochen und ungenutzte Ressourcen können aktiviert werden.

    Für alle, die trotz intensiver Reflexion keine zufriedenstellende Lösung finden, kann dieser Ansatz eine wertvolle Ergänzung sein. Fühlen Sie sich in Ihrer beruflichen Situation festgefahren? Dann könnte die Arbeit mit Bildern auch für Sie eine effektive Methode sein, um neue Perspektiven zu gewinnen und nachhaltige Veränderungen einzuleiten. Vielleicht wartet Ihre persönliche Erkenntnis in einem Bild auf Sie.

    Hinweis: Die hier geschilderte Arbeit mit Bildern orientiert sich am Vorgehen des Zürcher Ressourcen Modells (ZRM®) nach Maja Storch.

    Autoreninformation

    Melanie Schumacher ist Diplom-Kauffrau, systemischer Coach, Karriereberaterin und ZRM®-Coach. Sie hat sich mit ihrem Beratungsunternehmen Karriere&Perspektiven auf berufliche Neuorientierung von erfahrenen Fach- und Führungskräften spezialisiert. Seit 2017 ist sie Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Karriereberatung e.V. und seit 2022 als stellvertretende Vorständin aktiv.