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Karriere im KI-Zeitalter

Von Elke Wagenpfeil

Wie künstliche Intelligenz den Arbeitsmarkt verändert – und warum berufliche Weiterentwicklung, ein stetes Auge auf Arbeitsmarkttrends bis hin zur klugen Neuorientierung heute wichtiger sind als je zuvor.

Die Zukunft der Karriere beginnt jetzt

Wer heute über Karriere nachdenkt, denkt zunehmend auch über künstliche Intelligenz nach. In Büros schreiben Algorithmen Berichte, in Fabriken optimieren Systeme Produktionsabläufe, und in Krankenhäusern analysiert Software medizinische Bilder. Für viele Arbeitnehmende entsteht dadurch eine ganz neue Herausforderung: Wie bleibt man in einer Arbeitswelt relevant, die sich immer schneller verändert?

Doch bevor man über die Zukunft spricht, lohnt sich ein kurzer Blick zurück. Prognosen über den Arbeitsmarkt waren schon immer schwierig. Auch in Deutschland gab es immer wieder Berufe, die zunächst als sichere Zukunftswahl galten – nur um wenige Jahre später von einem Überangebot geprägt zu sein. Ein klassisches Beispiel ist der Lehrerberuf. In den 1970er-Jahren sprach man in Deutschland von einer regelrechten „Lehrerschwemme“. Zehntausende AbsolventInnen konkurrierten um wenige Stellen. Einige Bundesländer stellten jahrelang kaum neue LehrerInnen ein. Jahrzehnte später hat sich das Bild komplett gedreht: Prognosen gehen davon aus, dass in Deutschland im Schuljahr 2025/26 rund 35.000 Lehrkräfte fehlen könnten, fünf Jahre später sogar 68.000.

Ein ähnlicher Zyklus zeigt sich in technischen Berufen. Noch Anfang der 2000er-Jahre wurde intensiv dafür geworben, mehr junge Menschen für Informatik und MINT-Studiengänge zu gewinnen. Tatsächlich stieg die Zahl der AbsolventInnen deutlich. Gleichzeitig verändert sich aber auch hier die Nachfrage ständig. So lag der Fachkräftebedarf im MINT-Bereich zeitweise bei über 320.000 fehlenden Fachkräften in Deutschland. Die MINT-Arbeitskräftelücke lag laut IW Köln im Dezember 2025 bei 142.000 Personen, das entspricht 23,2 Prozent niedriger als im Dezember 2024. Viele Hochschulabsolventen stellen dies aktuell fest und berichten von erschwerten Einstiegsbedingungen.

Was bedeutet das für Ihre Karriereplanung? Ganz einfach: Selbst gut gemeinte Prognosen können sich als falsch erweisen. Genau deshalb wird es immer wichtiger, die eigene berufliche Weiterentwicklung aktiv zu gestalten – statt sich allein auf Trends zu verlassen.

Drei Szenarien für den Arbeitsmarkt der Zukunft

Wie genau sich Arbeit im KI-Zeitalter entwickeln wird, ist offen. Studien zur Technologieentwicklung beschreiben jedoch drei plausible Szenarien.

Szenario 1: Die produktive KI-Arbeitswelt

Im optimistischsten Szenario wird künstliche Intelligenz vor allem zu einem Werkzeug, das Arbeitnehmende produktiver macht. Ähnlich wie Computer oder Internet verändert KI den Arbeitsalltag – ersetzt den Menschen aber nicht. Eine internationale Arbeitsmarktstudie der OECD aus 2023 zeigt, dass über 80 % der Mitarbeitenden, die mit künstlicher Intelligenz arbeiten, von einer verbesserten Leistung sprechen. Gerade in Arbeitsbereichen wie Medizin, Industrie oder Marketing könnte sich dadurch die tägliche Arbeit verändern. Ärztinnen und Ärzte nutzen KI bereits bei der Analyse medizinischer Daten. Ingenieure arbeiten mit intelligenten Produktionssystemen. Und im Marketing entstehen Inhalte zunehmend in Zusammenarbeit mit KI-Tools.

Stellen Sie sich vor, Sie arbeiten im Marketing, in der Verwaltung oder im Projektmanagement. Routineaufgaben wie Protokolle, Analysen oder Präsentationen lassen sich teilweise automatisieren. Was bleibt, sind strategische Entscheidungen, Kreativität und Kommunikation. Für Ihre Karriereentwicklung bedeutet das eine entscheidende Frage: Nutzen Sie diese Werkzeuge bereits – oder überlassen Sie sie anderen?

Szenario 2: Der polarisierte Arbeitsmarkt

Ein zweites Szenario wird in vielen Studien ebenfalls diskutiert: ein stärker gespaltener Arbeitsmarkt in der Form, dass hoch qualifizierte Arbeitnehmende profitieren und niedrig qualifizierte Berufe negative Auswirkungen im Hinblick auf Arbeitsmarkt-Chancen und Gehaltsentwicklung hinnehmen müssen.

Was bedeutet das konkret für Ihre berufliche Zukunft? Viele klassische Routineaufgaben könnten verschwinden. Denken Sie an einfache Sachbearbeitung, Datenerfassung, Standard-Buchhaltung oder repetitive administrative Tätigkeiten. Gleichzeitig entstehen neue Chancen in Bereichen wie Datenanalyse, Cybersecurity, KI-Entwicklung, Bildung oder Gesundheitswesen. In solchen Situationen wird professionelle Karriereberatung besonders wichtig. Wer früh erkennt, wie sich sein Beruf verändert, kann gezielt neue Kompetenzen aufbauen.

Vielleicht stellen Sie sich gerade selbst eine Frage: Wird mein Job in zehn Jahren noch existieren? Die bessere Frage lautet oft: Wie wird sich mein Job verändern?

Szenario 3: Die große berufliche Neuorientierung

Das dritte Szenario ist das radikalste. Hier verändert KI nicht nur einzelne Aufgaben – sondern ganze Berufsbilder. Schon heute entstehen neue Rollen: KI-Trainer, Prompt-Designer, Datenethiker, Automatisierungsberater oder AI-Produktmanager – (m/w/d). Vor wenigen Jahren kannte kaum jemand diese Berufe. Was bedeutet das für Arbeitnehmende? Berufliche Neuorientierung wird zunehmend normal. Viele Karrieren verlaufen nicht mehr linear, sondern bestehen aus mehreren Etappen.

Die Frage lautet also nicht mehr: Werde ich mein ganzes Leben denselben Beruf ausüben? Sondern: Wie oft werde ich mich neu erfinden?

Was Arbeitnehmende jetzt tun können

Die gute Nachricht: Niemand muss diese Veränderungen passiv abwarten. Viele Strategien aus moderner Karriereberatung und Karriere Coaching helfen bereits heute dabei, sich auf den Wandel vorzubereiten.

#1: KI verstehen statt fürchten

Viele Arbeitnehmende erleben KI zunächst als Bedrohung. Doch die entscheidende Kompetenz besteht darin, Ergebnisse kritisch zu prüfen, sie zu verstehen und produktiv einzusetzen.

Wie können Sie das konkret tun? Heute gibt es zahlreiche kostenlose Möglichkeiten zur beruflichen Weiterbildung im Bereich künstliche Intelligenz. Kostenlose Onlinekurse bieten beispielsweise Universitäten und Lernplattformen. Besonders beliebt sind Kurse zu „Prompt Engineering“, Datenanalyse oder Automatisierung. Plattformen wie Coursera, edX oder YouTube bieten komplette Einsteigerprogramme – häufig kostenlos oder sehr günstig. Auch viele Unternehmen stellen interne KI-Trainings bereit. Wer sich aktiv damit beschäftigt, kann seine Produktivität deutlich steigern.

Neben dem Erwerb von KI-Grundlagen macht es Sinn, sich in seinem Fachgebiet eine Doppelkompetenz aufzubauen, so zum Beispiel KI plus Medizin, KI plus Recht oder KI plus Sales. Schon heute zeigen Studien eine deutliche Zunahme an Stellenausschreibungen mit KI-Bezug. Im Personalwesen beispielsweise gehen die Stellenausschreibungen seit 2022 insgesamt zurück, doch HR-Stellenausschreibungen mit KI-Bezug sind seit Anfang 2025 kräftig gewachsen.

#2: Nicht nur Fachwissen – sondern Problemlösung

KI ist hervorragend darin, Informationen zu verarbeiten. Schwieriger wird es, zumindest aktuell noch, bei komplexen Entscheidungen oder kreativen Aufgaben. Deshalb gewinnen Fähigkeiten wie kritisches Denken, Kommunikation, Kreativität und interdisziplinäres Denken an Bedeutung. KarriereberaterInnen sagen, es geht weniger um einzelne Tools, sondern um Denkweisen.

Fragen Sie sich selbst: Können Sie komplexe Probleme strukturieren? Können Sie Teams führen? Können Sie neue Ideen entwickeln? Diese Fähigkeiten bleiben langfristig gefragt.

#3: Karriere aktiv planen

Früher verlief eine Karriere häufig linear: Ausbildung, Berufseinstieg, Aufstieg im Unternehmen. Heute ähnelt eine Karriere eher einem Netzwerk aus Projekten, Rollen und neuen Kompetenzen. Wer seine Karriereplanung aktiv gestaltet, beobachtet Trends, entwickelt neue Fähigkeiten und überprüft regelmäßig seine Position im Arbeitsmarkt.

Stellen Sie sich daher ruhig eine provokante Frage: Wenn Sie heute noch einmal neu anfangen müssten – würden Sie denselben Karriereweg wählen?

#4: Sichtbarkeit erhöhen

In einer digitalen Arbeitswelt wird Sichtbarkeit immer wichtiger. Recruiter suchen heute häufig direkt in Netzwerken nach Kandidaten. Ein professionelles LinkedIn-Profil, sichtbare Projekte oder regelmäßige Weiterbildung können daher entscheidend sein – besonders bei einer Bewerbung.

Viele Personalabteilungen nutzen inzwischen automatisierte Systeme zur Vorauswahl von Bewerbungen. Wer seine Kompetenzen klar kommuniziert und digitale Profile pflegt, verbessert seine Chancen erheblich.

#5: Mut zur beruflichen Neuorientierung

Der vielleicht wichtigste Karriere-Tipp lautet: Veränderung akzeptieren.

Viele erfolgreiche Lebensläufe bestehen heute aus mehreren Karrieren. Manche wechseln von der Industrie in die Beratung. Andere gehen von der Wissenschaft in Start-ups oder von Konzernen in die Selbstständigkeit. Eine berufliche Neuorientierung ist längst kein Zeichen von Unsicherheit mehr – sondern oft ein Zeichen von Anpassungsfähigkeit. Und dies betrifft vielleicht zunehmend nicht nur den Wechsel der Branche, sondern vermehrt der inhaltlichen Ausrichtung.

Ein Job bleibt sicher

Bei allen Unabwägbarkeiten, denn niemand hat eine Glaskugel, bleibt ein Job sicher: Nennen wir ihn den „Self Development Manager“.

Wer bereit ist, permanent Trends in seinem Job zu analysieren, seine Fähigkeiten regelmäßig weiterzuentwickeln, Weiterbildung zu nutzen und seine Karriere aktiv zu gestalten, wird auch im KI-Zeitalter erfolgreich sein. Bis hin zur Überlegung, was Sie tun wollen, wenn die KI irgendwann in der Zukunft jeden Job erledigt und Staaten ein bedingungsloses Grundeinkommen vergeben. Wofür möchten Sie dann Ihre Zeit produktiv und sinnstiftend nutzen? Oder anders gefragt: Wenn sich die Arbeitswelt ohnehin verändert – warum sollten Sie nicht derjenige sein, der den Wandel für sich nutzt?

Zusammenfassung

Die Karriere im KI-Zeitalter erfordert mehr Eigeninitiative als je zuvor. Mit gezielter beruflicher Weiterentwicklung, kluger Karriereplanung und gegebenenfalls einer mutigen beruflichen Neuorientierung können Arbeitnehmende ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt deutlich verbessern – und ihre nächste Bewerbung erfolgreich gestalten.

Autoreninformation

Die Frankfurter Psychologin Elke Wagenpfeil ist Expertin rund um Job & Karriere und Mitglied bei der Deutschen Gesellschaft für Karriereberatung. Viele Jahre hat sie selbst als Personalerin in einem internationalen Konzern Führungskräfte bei Personalbesetzungen weltweit beraten.

Fünf KI-Fallen im Bewerbungsprozess – und wie Sie diese vermeiden

Von Oliver Braust

Künstliche Intelligenz kann Bewerbungen schneller, sauberer und manchmal auch besser machen. Gleichzeitig sehe ich in der Praxis einen neuen Klassiker: Unterlagen sind formal top – und wirken trotzdem austauschbar. Oder sie klingen überzeugend, halten aber einem kritischen Nachfragen im Interview nicht stand.
Damit KI im Bewerbungsprozess wirklich hilft, braucht es einen klaren Umgang mit ihren Grenzen. In diesem Karrierespot zeige ich fünf typische KI-Fallen, die mir in der Beratung immer wieder begegnen – und gebe jeweils einfache Gegenmittel, mit denen Sie Ihre Bewerbung wieder griffig, glaubwürdig und persönlich machen.

1) Falle: „Klingt gut – aber klingt wie alle“

KI produziert oft Texte, die sich glatt lesen: professionell, freundlich, korrekt. Das Problem: Genauso lesen sich dann viele Bewerbungen. HR spürt sehr schnell, ob ein Text Substanz hat – oder ob er inhaltlich „auf dem Papier gut“ ist, aber ohne echte Kante.

Gegenmittel:
Bauen Sie bewusst Eigensprache und Belege ein.

  • Nutzen Sie 5–8 Wörter, die wirklich zu Ihnen passen (und die Sie auch mündlich sagen würden).
  • Ergänzen Sie pro Absatz mindestens einen konkreten Beleg: Ergebnis, Projekt, Zahl, Kontext.

Merksatz: Stil ist nicht das, was gut klingt – Stil ist das, was zu Ihnen passt.

2) Falle: Unbewusste Übertreibung (oder kleine Unwahrheiten)

KI „optimiert“ gern. Aus „mitgearbeitet“ wird „verantwortet“, aus „unterstützt“ wird „geführt“. Das passiert oft gar nicht absichtlich – aber es ist riskant. Spätestens im Interview fällt auf, wenn Aussagen nicht sauber unterfüttert sind.

Gegenmittel:
Arbeiten Sie mit einer simplen Belegpflicht:

  • Jede starke Aussage braucht mindestens einen Nachweis: Beispiel / Ergebnis / Rolle / Umfang / Zeitraum.
  • Formulieren Sie bewusst sauber: „fachlich mitverantwortet“, „in enger Abstimmung“, „Teilprojektleitung“, „Schnittstellenkoordination“.

Merksatz: Lieber etwas weniger Glanz – dafür 100% belastbar.

 

3) Falle: Einheitsbewerbung statt Bewerbungsstrategie

Viele starten mit KI direkt beim Text: Lebenslauf umschreiben, Anschreiben erstellen, LinkedIn-Profil polieren. Das fühlt sich produktiv an. Ist es manchmal auch. Aber ohne strategischen Fokus entsteht schnell ein perfekt aussehendes „Irgendwie-passt-es“-Paket.

Gegenmittel:
Erst Zielbild, dann Text. Drei Fragen vor jeder KI-Nutzung:

  1. Welche Rolle will ich wirklich (und warum)?
  2. Welche 3 Argumente sind für diese Rolle am stärksten?
  3. Welche Beispiele belegen diese Argumente?

Erst wenn das steht, darf die KI formulieren.

Merksatz: KI beschleunigt – aber nur in die Richtung, die Sie vorher festgelegt haben.

4) Falle: Perfekte Form, aber kein Profil

KI kann Struktur, Überschriften und Bulletpoints elegant machen. Trotzdem fehlt oft das Entscheidende: ein klarer roter Faden. Wer sind Sie beruflich – wofür stehen Sie – und warum ist das für diese Zielrolle relevant?

Gegenmittel:
Erstellen Sie einen kurzen Profilkern, den Sie in CV, LinkedIn und Anschreiben wiederverwenden:

  • Positionierungssatz (1 Zeile): „Ich unterstütze/gestalte/löse … in … durch …“
  • 3 Kernkompetenzen (konkret, nicht Buzzwords)
  • 3 Proof Points (kurze Belege: Ergebnis, Projekt, Wirkung)

Damit wird aus „schön“ wieder „treffsicher“.

Merksatz: Form bringt Aufmerksamkeit. Profil bringt Vertrauen.

5) Falle: Zu viel Output, zu wenig Entscheidung

KI liefert in Minuten zehn Versionen – und plötzlich stecken Sie in einer Optimierungsschleife. Mehr Text, mehr Varianten, mehr Möglichkeiten. Das kann lähmen: Sie arbeiten an Unterlagen, statt in Bewegung zu kommen.

Gegenmittel:
Nutzen Sie ein „Good enough“-Prinzip plus echte Tests:

  • Entscheiden Sie sich für EINE Version, die solide ist.
  • Testen Sie sie im Markt: Feedbacks von HR-Profis und Führungskräften aus dem persönlichen Netzwerk einholen, dann 5 Bewerbungen  versenden – und ggf. nachschärfen.
  • Nutzen Sie KI für gezielte Iterationen (z. B. Einleitung kürzen, Profil schärfen), nicht für Endlosvarianten.

Merksatz: Bewerbung ist kein Schreibprojekt – es ist ein Markttest.

Mini-Checkliste: Passt das noch zu mir – und trägt es im Job-
Interview?

Nehmen Sie sich 3 Minuten und prüfen Sie Ihren KI-Text mit diesen vier Fragen:

  • Wiedererkennung: Würde mich jemand, der mich gut kennt, in Ton und Beispielen wiedererkennen?
  • Belegbarkeit: Steht hinter jeder starken Behauptung ein konkretes Beispiel?
  • Interview-Festigkeit: Kann ich die Kernaussage in 20 Sekunden frei erzählen – ohne abzulesen?
  • Zielrollen-Fit: Passt das Dokument zur Zielrolle – oder ist es „allgemein professionell“?

Wenn Sie hier zweimal zögern: nachschärfen. Nicht durch mehr Text – sondern durch mehr Klarheit.

Fazit: KI ist ein Werkzeug – Klarheit bleibt Ihre Aufgabe

KI kann Ihnen viel Arbeit abnehmen: strukturieren, formulieren, variieren, zusammenfassen. Die entscheidende Qualität in Bewerbungen entsteht aber dort, wo KI allein nicht hinkommt: Haltung, Prioritäten, Substanz und Glaubwürdigkeit.

Wenn Sie KI so einsetzen, dass sie Ihre Klarheit sichtbar macht, wird sie zum echten Beschleuniger. Wenn KI Klarheit ersetzt, wird sie zum Glätteisen – und das wirkt selten überzeugend.

Und wenn Sie diese Klarheit nicht allein erzeugen können, dann nutzen Sie unsere Expertise als
Karriereberater.

Autoreninformation

Oliver Braust ist erfahrener Karriere- und Outplacementberater und Mitglied der DGfK.

Jobs der Zukunft

Ein Interview von unserem Mitglied Doris Brenner mit Hartwin Maas

Durch einen Beitrag bin ich auf Hartwin Maas, Zukunftsforscher und Mitbegründer des Instituts für Generationenforschung (www.generation-thinking.de) gestoßen, in dem er die These aufstellte, dass von den heute geborenen Kindern, 65% in Jobs arbeiten werden, die es heute noch nicht gibt. Diese Prognose ist insbesondere für die Karriereberatung von hoher Relevanz, wenn wir unsere Kunden auch auf dem Weg in den zukünftigen Arbeitsmarkt kompetent begleiten wollen.

Doris Brenner: Herr Maas, Sie stellen die These auf, dass von den heute geborenen Kindern 65% in Jobs arbeiten werden, die es heute noch nicht gibt? Wie kommen Sie zu dieser Aussage?

Hartwin Maas: In den letzten zwanzig Jahren haben sich schon sehr viele neue Jobs entwickelt und Tätigkeitsprofile stark geändert. Beispielsweise, neben Modifizierungen in den Ausbildungsberufen gibt es seitdem ca. 24 Neue. In den nächsten 25 Jahren werden neue Berufsfelder entstehen, die durch technologische, ökologische, demografische und gesellschaftliche Veränderungen angetrieben werden. Technologische Veränderung passiert nicht mehr linear, sondern exponentiell. Bis 2050 werden Berufe verschwinden und 65 % der heute geborenen Kinder könnten in der Tat in Jobs arbeiten, die noch gar nicht existieren.

Ich kann jedoch die Angst vor KI als Jobvernichter nehmen, denn KI wird einzelne Aufgaben übernehmen, nicht aber einen ganzen Beruf. Letztendlich werden durch Automatisierung und KI in sämtlichen Bereichen bis 2030 deutlich mehr Jobs geschaffen als vernichtet. Es wird ein Nettobeschäftigungszuwachs von 7 % geben.

Doris Brenner: Welche Jobs werden das sein?

Hartwin Maas: Neue Berufsfelder sind oft eine Verkettung von vielen Änderungen. Sie entstehen beispielsweise durch den Klimawandel im Nachhaltigkeitsbereich. Es wird neue Berufe in der Kreislaufwirtschaft, neue Formen der Landwirtschaft oder im Kohlenstoffhandel geben. Durch die alternde Bevölkerung und die damit einhergehende Zunahme altersbedingter Krankheiten werden Berufe in der Biotechnologie, Bioinformatik für personalisierte Medizin, Klontechnologie oder Longevity Coaches gefragt werden. Zurzeit fließen viele Gelder in die Weltraumtechnologie, hier könnte es neue Berufsfelder bzgl. Mond- und Marsmissionen geben. Die Anwendung von KI-Systemen, Robotik und Automatisierung in allen Bereichen könnte Berufsfelder wie Digital Twin Designer, KI Trainer, Ethik-Auditor für KI ergeben.

Doris Brenner: Was werden aus Ihrer Sicht die zentralen Anforderungen dieser zukünftigen Jobs sein?

Hartwin Maas: Die Anforderungen an bereichsübergreifendes Handeln und die Kommunikation auf unterschiedlichen Kanälen werden weiter zunehmen. In vielen Bereichen ist eine zunehmende Komplexität und Parallelisierung der Aufgaben zu beobachten. „KI-Kompetenzen“ werden als wünschenswerte Zusatzqualifikation betrachtet werden. Dabei geht es nicht nur um die stumpfe Anwendung, sondern eine Technik einzusetzen für effektives Arbeiten auf höherem Niveau. Hierbei ist insbesondere der Begriff der „Digital Literacy“ zu nennen: Die Fähigkeit, in unterschiedlichen digitalen Schriftquellen Zusammenhänge zu erkennen, diese zu verstehen, zu interpretieren und sinnvoll für sich zu nutzen. Hinzu kommen weitere Fähigkeiten, wie jene, Veränderungen wahrzunehmen und zu bewältigen, oder die Ambiguitätstoleranz, d. h. die Fähigkeit, mit Ungewissheiten und Widersprüchen konstruktiv umzugehen. Auch Selbstorganisation und kritisches Denken werden zunehmend relevanter werden.

Doris Brenner: Wie können sich heutige Arbeitnehmer am besten auf diese zukünftigen Anforderungen vorbereiten bzw. weiterbilden?

Hartwin Maas: Die Anpassungsfähigkeit der Arbeitnehmer an technologische Veränderungen wird entscheidend sein. Die Anzahl an Menschen, die sich nun zwangsläufig fortbilden muss, wird erheblich mehr werden. Das Konzept des lebenslangen Lernens und Upskilling wird mehr als ein Trend sein. Upskilling ist entscheidend für den Erfolg. Es hilft nicht nur den eigentlichen Job besser zu machen, sondern auch relevanter und wettbewerbsfähig in einem anspruchsvollen Arbeitsmarkt zu bleiben und sich zu bemühen, mit der anhaltenden und rasanten technologischen Revolution Schritt zu halten. Zurzeit trifft es vor allem die Älteren. Deshalb rate ich Unternehmen verstärkt in die älteren Generationen zu investieren.

Doris Brenner: Sehen Sie internationale Unterschiede im Hinblick auf die zukünftige Jobs? Und wenn ja, wo werden in Deutschland bzw. Europa die Schwerpunkte liegen?

Hartwin Maas: In den Jobs sehe ich nicht unbedingt internationale Unterschiede, eher im Datenverständnis, in der Flexibilität und Haltung zur Arbeit. In anderen Ländern, wie Ägypten, Indien, Ruanda scheinen beispielsweise Nachwuchskräfte durchaus ambitionierter zu sein und nutzen die technologischen Entwicklungen als Chance. Die breite KI-Nutzung ändert auch die Jobqualifikationen. In Indien und USA beispielsweise fragen Arbeitgeber zunehmend mehr nach den Fähigkeiten als nach dem Abschluss. In Deutschland wird uns die Überakademisierung auch auf die Füße fallen, da der akademische Abschluss an Aussagekraft und Ansehen verliert. Obwohl Deutschland bei technologischen, ökologischen, demografischen und gesellschaftlichen Veränderungen träge oder zumindest zurückhaltend zu sein scheint, ist es noch die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt nach den USA und China und die größte in Europa.

Wir sind nach wie vor Spitzenreiter in der KI-Grundlagenforschung, Quantencomputing und Lasertechnik, dies sollte forciert werden und Forschung und Wirtschaft mehr verzahnt werden, damit es auch in Zukunft ein Schwerpunkt bleibt. In der Anzahl der Datenzentren ist Deutschland weltweit auf Platz zwei. Zudem verfügt Deutschland über die meisten Hidden Champions, wie im Bereich Spezialmaschinenbau, Klimatechnik, Druckluftsysteme, Landmaschinen, Gartengeräte und vieles mehr, die in ihrer Nische oft unbemerkt, aber global führend sind.

Doris Brenner: Herr Maas haben Sie vielen Dank für dieses Interview und Ihre Einschätzung.

Autoreninformation

Doris Brenner ist Wirtschaftswissenschaftlerin mit langjähriger Erfahrung in Fach- und Führungspositionen in der Industrie. Als Karriereberaterin und systemischer Coach hat sie u.a. zahlreiche (Nachwuchs)-Wissenschaftler in Karriereentscheidungen unterstützt und begleitet. Doris Brenner ist Initiatorin und Gründungsvorstand der DGfK Deutsche Gesellschaft für Karriereberatung e.V.

Wie KI Ihre berufliche Veränderung unterstützen kann – und warum Karrierecoaching wichtiger denn je ist

Von Oliver Braust

Der Wandel in der Arbeitswelt war selten so spürbar wie heute. Digitalisierung, Automatisierung und Globalisierung verändern ganze Berufsfelder, und viele Menschen stehen vor der Herausforderung, sich neu zu orientieren. Gleichzeitig bietet der technologische Fortschritt – insbesondere durch Künstliche Intelligenz (KI) – spannende neue Möglichkeiten, die berufliche Veränderung aktiv und gezielt zu gestalten.
In diesem Beitrag zeige ich Ihnen, wie Sie mithilfe von KI-gestützten Tools und Ressourcen Ihre Karriereentwicklung vorantreiben können – und warum die menschliche Komponente in der Karriereberatung dennoch unverzichtbar bleibt.

1. Personalisierte Karriereberatung durch KI

Traditionelle Karriereberatung wird zunehmend durch KI-gestützte Plattformen ergänzt, die individuelle Beratung bieten. Programme analysieren mithilfe von Algorithmen Ihre Fähigkeiten, Erfahrungen und Interessen, um personalisierte Empfehlungen für mögliche Karrierepfade zu geben. Beispiele hierfür sind LinkedIn Career Explorer oder spezialisierte Job-Matching-Algorithmen, die Ihnen helfen, neue berufliche Felder zu entdecken.

Doch trotz dieser Technologie bleibt die Rolle eines erfahrenen Karrierecoachs zentral: Ein Coach geht auf Ihre persönlichen Anliegen, Emotionen und Unsicherheiten ein – Dinge, die KI allein nicht erfassen kann. Karriereentscheidungen sind häufig mit komplexen Gefühlen verbunden, wie Ängsten oder Zweifeln, bei denen empathische Unterstützung und ein tiefes Verständnis für Ihre individuelle Situation notwendig sind.

2. Optimierung Ihrer Bewerbungsunterlagen

KI-Tools wie Zety oder Resume.io bieten eine schnelle Möglichkeit, Lebensläufe und Anschreiben zu erstellen und auf Stellenanzeigen anzupassen. Sie helfen, Ihre Unterlagen zu analysieren und Verbesserungen vorzuschlagen, von der Formulierung bis hin zur Schlüsselwortoptimierung für Bewerbungsmanagementsysteme (Applicant Tracking Systems, ATS).

Trotz dieser Automatisierung bleibt jedoch ein erfahrener Karrierecoach entscheidend: Ein Coach hilft Ihnen nicht nur dabei, Ihre Unterlagen zu optimieren, sondern auch, Ihre individuelle Geschichte zu erzählen und Ihren beruflichen Werdegang in den richtigen Kontext zu setzen. Er unterstützt Sie dabei, Ihre einzigartige Kombination aus Fähigkeiten, Werten und Zielen so zu präsentieren, dass Sie bei Personalverantwortlichen einen bleibenden Eindruck hinterlassen – etwas, das KI-Tools nur schwer leisten können.

3. Weiterbildung leicht gemacht

Plattformen wie Coursera oder LinkedIn Learning nutzen KI, um Ihnen passende Lernpfade zu empfehlen, die auf Ihre Vorkenntnisse und Karrierezielen abgestimmt sind. Sie können so Wissenslücken schließen oder sich neue, stark nachgefragte Kompetenzen aneignen.

Ein Karrierecoach ist hier wiederum sinnvoll bei der strategischen Auswahl und Planung Ihrer Weiterbildung. KI-Algorithmen basieren auf Daten, aber ein Coach versteht Ihre gesamte berufliche Situation, Ihre langfristigen Ziele und Ihre persönlichen Präferenzen. Er kann Sie dabei unterstützen, nicht nur die „richtigen“ Kurse zu belegen, sondern auch herauszufinden, was für Sie als Individuum wirklich sinnvoll ist und Sie langfristig beruflich erfüllt.

4. Selbstständigkeit und KI – ein unschlagbares Team

Für Menschen, die den Schritt in die Selbstständigkeit wagen, bieten KI-Tools wie ChatGPT oder Jasper Unterstützung bei der Erstellung von Inhalten, Geschäftsstrategien oder der Automatisierung von Routineaufgaben. Diese Technologien ermöglichen eine erhebliche Zeitersparnis und helfen, effizient zu arbeiten.

Aber auch hier gilt: Ein Coach ist mehr als nur ein technischer Berater. Er hilft Ihnen, Ihre unternehmerischen Visionen zu konkretisieren, Entscheidungen aus verschiedenen Blickwinkeln zu beleuchten und mögliche Risiken zu erkennen. Der persönliche Austausch mit einem Coach bietet Raum für Reflexion und kreative Problemlösung – Dinge, die KI zwar unterstützen, aber nicht ersetzen kann.

5. Berufliche Netzwerkpflege durch KI-Algorithmen

Netzwerke sind in der modernen Arbeitswelt unverzichtbar. Plattformen wie LinkedIn nutzen KI, um Ihnen relevante Kontakte, Veranstaltungen oder Gruppen vorzuschlagen, die zu Ihren Karrierezielen passen. Diese Funktionen erleichtern das Networking erheblich.

Doch erfolgreiche Netzwerkpflege beruht auf menschlichen Beziehungen. Ein Karrierecoach kann Ihnen nicht nur Tipps geben, wie Sie ein Netzwerk aufbauen, sondern auch, wie Sie authentische Verbindungen zu Menschen herstellen, die Ihnen auf Ihrem Karriereweg weiterhelfen können. Während KI Verbindungen auf Basis von Daten vorschlägt, hilft Ihnen ein Coach, aus diesen Vorschlägen gezielt wertvolle, menschliche Kontakte zu knüpfen.

Warum Karrierecoaching trotz KI unverzichtbar bleibt

Künstliche Intelligenz ist ein mächtiges Werkzeug, das uns in vielen Aspekten der beruflichen Neuorientierung unterstützt. Sie spart Zeit, bietet datenbasierte Einblicke und hilft uns, auf neue Karrierechancen aufmerksam zu werden. Doch Karriere ist mehr als nur Daten und Algorithmen.

Der menschliche Aspekt – Empathie, emotionales Verständnis und individuelle Unterstützung – kann von keiner KI ersetzt werden. Ein Karrierecoach erkennt nicht nur Ihre Stärken, sondern versteht auch Ihre Bedürfnisse und Motive auf einer tiefen, persönlichen Ebene. Er hilft Ihnen, Ihre berufliche Identität zu formen, Ihre Ziele klar zu definieren und Sie durch die Höhen und Tiefen des Veränderungsprozesses zu begleiten.

In einer Zeit, in der technische Lösungen immer präsenter werden, bleibt die persönliche Beratung durch einen Karrierecoach der Schlüssel, um nicht nur den nächsten Job zu finden, sondern eine erfüllte, sinnvolle Karriere zu gestalten.

Fazit: KI als Werkzeug, der Karrierecoach als Partner

Künstliche Intelligenz kann Ihnen viele Türen öffnen, von der Karriereberatung über die Weiterbildung bis hin zur Optimierung Ihrer Bewerbungsunterlagen. Doch die Erfahrung, das Wissen und die emotionale Intelligenz eines Karrierecoachs bieten eine unverzichtbare menschliche Komponente, die KI allein nicht leisten kann. Nutzen Sie KI als Werkzeug – aber verlassen Sie sich auf die Erfahrung eines Karriere-coaches, um Ihre beruflichen Veränderungen erfolgreich und nachhaltig zu gestalten.

Autoreninformation

Oliver Braust ist Mitglied der DGfK, seit vielen Jahren Karrierecoach und unterstützt Menschen aktiv bei beruflichen Veränderungen und Neustarts.

Es braucht Ohnmachtskompetenz um in der Unordentlichkeit der Welt handlungsfähig zu bleiben

Von Brigitte Scheidt

Haben Sie auch das Gefühl, früher war die Welt einfacher, es wird immer komplizierter und komplexer? Wenn Sie das bejahen, haben Sie vermutlich recht. Krisen, Kriege, Katastrophen, Klima, KI – Fluch oder Segen – der gesellschaftliche Zusammenhalt wird weniger, autoritäres Denken nimmt zu, der Planungshorizont in Wirtschaft und Politik wird zwangsläufig kürzer. Das Gefühl von Unsicherheit macht sich breit. „Ich kann es nicht mehr hören, ich mag die Nachrichten nur noch portionsweise aufnehmen.“, sagen uns Klienten. „Change is always a mess“ und Veränderungen sind immer auch anstrengend. Das war schon immer so. Jetzt verlaufen die Prozesse aber disruptiv, plötzlich und wenig kalkulierbar. Sprachen wir vor wenigen Jahren noch von der VUCA-Welt (volatility, uncertainty, complexity und ambiguity), so kennzeichnet das englische Akronym BANI die Veränderung hin zu einer Welt, die durch Brüchigkeit, Angst, Nicht-Linearität und Unbegreiflichkeit gekennzeichnet ist. Dies macht etwas mit uns Menschen.

Sich verunsichert bis ohnmächtig zu fühlen, führt zu mangelnder innerer und auch äußerer Stabilität. Die innere Orientierung ist verloren gegangen und damit auch projektive Zugehörigkeiten. Gerade Corona oder auch der Brexit haben gezeigt, wie schnell Zusammengehörigkeit zerbrechen kann, wenn die Grundkonfluenz nicht mehr gegeben ist, in Hinsicht auf gemeinsame Vorstellungen und Verbindlichkeiten.

Wir wissen in vielem nicht (mehr) Bescheid, Orientierung fehlt. Es gibt weniger, worauf wir uns (noch) verlassen können. Selbstverständlichkeiten werden in Frage gestellt, Berufe und Kenntnisse verlieren in kurzer Zeit ihre Bedeutung. So kommt beispielsweise eine DIW-Studie (DIW Newsletter 28.08.2024) nach Auswertung von über einer Million ausgeschriebener Aufträge für Freiberufler*innen auf Online-Plattformen zum Ergebnis, dass die Nachfrage nach digitalen, automatisierungsanfälligen Aufträgen im Durchschnitt acht Monate nach Einführung von ChatGPT um ein Fünftel zurückgegangen ist. Diese Umwälzungen betreffen natürlich nicht nur Freiberufler, sondern analog auch qualifizierte Angestellte. Auch in den Betrieben schreiten die großen Transformationen voran – nur welche ist jeweils die Richtige?

Im Rahmen dieses Karrierespots kann das Thema nur angerissen werden und es geht auch nicht darum, Katastrophendenken heraufzubeschwören, sondern Anregungen zu geben: Wie geht man mit und in Situationen um, die durch Unschärfe und Nichtwissen gekennzeichnet sind?

Was passiert mit uns?

Unsere eigenen gängigen Erwartungen an Planung und Vorhersehbarkeit, unser bisheriger Umgang mit Problemen greifen immer weniger – und das gilt für alle (Hierarchie-) Ebenen, denn die alten Antworten und Methoden sind angesichts der Herausforderungen in Frage gestellt. Dies ist u.a. auch kränkend, weil erworbenes Wissen und vertiefte Fähigkeiten durch die neuen Anforderungen entwertet werden. Selbstbilder werden stark angekratzt, ich wusste und musste immer Bescheid wissen und nun stehe ich ratlos herum. Niemand weiß, wie die Welt in zwei oder fünf Jahren sein wird, wirtschaftlich, geopolitisch, politisch und sozial. Und dies alles wirkt verunsichernd bzw. macht hilflos – und wie wir alle wissen, gehen Menschen mit Hilflosigkeit und Ohnmachtsgefühlen sehr unterschiedlich um.

Unsere Welt ist ungeübt in der Ohnmachtskompetenz.

Es gilt zu lernen, mit der eigenen Verunsicherung und den damit einhergehenden Gefühlen positiv umzugehen, um unter Berücksichtigung der Besonderheit der einzelnen Person handlungsfähig zu bleiben oder zu werden. Wir müssen dazu Ohnmachtskompetenz entwickeln. Wenn es die neue Normalität ist, dass wir einfach nicht Bescheid wissen können und dass beispielsweise langfristige Planung und auch manche Prozesse schnell wieder hinfällig werden, dann ist Ohnmachtskompetenz meines Erachtens ein vielversprechender Weg, um wieder Selbstwirksamkeit zu spüren. Dafür gibt es verschiedene Schritte, die ich hier kurz skizziere.

Mustererkennung

Um Ohnmachtskompetenz bewusst zu gewinnen hilft es, sich mit den eigenen Mustern auseinanderzusetzen. Ich kann nur etwas ändern, dessen ich gewahr bin.

Es hilft, schon mal das Klagen, dass es so ist wie es ist, einzustellen bzw. zu begrenzen. Dinge sind im Fluss und ändern sich schnell. Der Wunsch nach Routinen und klaren Prozessen ist verständlich aber für diese sich schnell ändernde Welt nicht passend. Daher, was kann man tun, um sich in dieser unordentlichen Welt so zu verhalten, dass es einem gut geht und man agieren kann?

Am Anfang hilft wie immer eine Bestandsanalyse:

Dazu kann man untersuchen, wie gehe ich mit meinen Unsicherheits- bzw. Ohnmachtsgefühlen um. Also, was mache ich üblicherweise wie per Autopilot, wenn ich nicht weiterweiß?

Neige ich dazu, etwas zu machen, um wieder Selbstwirksamkeit zu gewinnen? Vermeide ich? Werde ich aggressiv? Trinke ich mich zu? Tanze ich die Nächte durch? Informiere ich mich, denken Sie an den Corona-Podcast von Drosten? Suche ich Menschen, mit denen ich klagen kann? Suche ich Rat bei anderen? Feiere ich, denn es kann immer mal das letzte Fest sein? Usw.!

Menschen haben, bewusst oder unbewusst, unterschiedliche Strategien, um Ohnmachtsgefühle zu reduzieren oder nicht zu spüren. Im Hintergrund kann man meist weitere Gefühle wie Scham, Ärger, Enttäuschung über sich oder/und die anderen entdecken.

Auf das agile Mindset kommt es an

Mehr Wissen über Situationen hilft in der Regel, doch es kommt besonders auf das Mindset der Handelnden an und damit auf die Person. Neben der Identifizierung der eigenen Muster gilt es, sich den eigenen (negativen) Gefühlen zu stellen. Das könnte z.B. heißen: Ja, auch ich als Entscheider:in habe Angst und ich fühle mich schlecht, weil ich keine Antwort weiß. Es ist zentral, die eigenen Gefühle zuzulassen und anzunehmen, und auch „gnädig“ und geduldig mit sich zu sein.

Wenn Sie sich mit dem Thema Ohnmachtskompetenz vertiefter auseinandersetzen wollen, dann sind Sie als Person direkt gefragt. Uns bleibt nur, eine eigene Orientierung zu entwickeln, um mit Nichtwissen und Unschärfen in dieser BANI-Welt umzugehen. Es geht nicht darum, es „richtig“ zu tun, sondern das – nach den eigenen Kriterien – Richtige und immer wieder auf Sicht zu fahren. So sind wir in der Lage, unter Unsicherheit zu entscheiden und gegenüber Dritten und uns selbst dazu zu stehen.

Sich zu kennen und die eigenen Annahmen zu hinterfragen, immer wieder reflexive Schleifen ins Handeln einzubauen, sind dafür Voraussetzungen. So bildet sich nach und nach ein agiles Mindset aus, das es ermöglicht, flexibel und situativ auf sich ständig verändernde Gegebenheiten zu reagieren.

Erste hilfreiche Fragen, um das Augenmerk auf sich selbst zu richten, können für den Anfang sein:

  •  Wie treffe ich meine Entscheidung?
  •  Was sind meine Kriterien und wodurch und durch wen sind sie bestimmt?
  •  Was sind meine handlungsanleitenden Werte?
  •  Sind es wirklich meine eigenen Werte?

 Wie kann ich meine Muster verändern

Um Selbstwirksamkeit und Handlungsfähigkeit zu erreichen, ist es in Zeiten von Orientierungslosigkeit hilfreich, wie schon angerissen, bei sich anzufangen. Fragen Sie sich: Was tut mir gut? Wirklich gut!

Nachdem Sie Ihre Muster identifiziert haben, stellt sich die Herausforderung: Also was könnte ich an meinem Verhalten ablegen, verändern, an neuen Verhaltensweisen riskieren?

Dazu ist es meist hilfreich sich umzutun und zu schauen, wie gehen andere mit ihrem Nichtwissen, mit Unschärfen um. Was könnte ich gut gebrauchen, mir abgucken, zum Vorbild nehmen?

Neben ggf. der Einführung von Entspannungstechniken und der Vertiefung von Selbstberuhigungsfähigkeiten, könnten Sie entdecken, dass Andere ganz bewusst die eigenen Annahmen hinterfragen. Manche stellen sich immer wieder die Frage, wie kann ich etwas auch sehen (Perspektivwechsel). Andere denken Dinge gegen den Strich, manch einer baut auf Schwarmintelligenz, teilt Probleme mit anderen. Es gibt viele weitere Strategien im Umgang mit sich in der BANI-Welt. Entdecken Sie, was Sie unterstützt. Fangen Sie mit ein oder zwei Aspekten an, die Sie ansprechen. Bedenken Sie: Neues zu integrieren braucht Zeit. Machen Sie Ihre Erfahrungen, werten Sie diese aus, gönnen Sie sich, (sich) auszuprobieren. Was dann trägt, gilt es durch Wiederholungen zu verfestigen.

Autoreninformation

Die Diplompsychologin und Psychologische Psychotherapeutin Brigitte Scheidt ist langjähriges Mitglied der DGfK e.V. Sie berät Menschen bei beruflicher Neu- und Umorientierung.