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Karriere ist auch Familiensache

Wie Lebensentwürfe und Glaubenssätze unseren Berufsweg prägen

Von Dr. Claudia Sorg-Barth

Unsere Karriere wird oft stärker von familiären Glaubenssätzen und unbewussten Lebensentwürfen geprägt, als wir denken. Der Beitrag zeigt, wie systemische Karriereberatung dabei unterstützt, diese Muster zu erkennen, den eigenen Karriereweg bewusst zu reflektieren und stimmige berufliche Entscheidungen zu treffen.

Mach etwas Sicheres.“ – „Mit einem Job im öffentlichen Dienst bist du gut versorgt.“ – „Erst die Arbeit, dann das Vergnügen.“ – „Selbstständigkeit ist viel zu riskant.“

Viele von uns kennen solche Sätze. Manche wurden offen ausgesprochen, andere waren unausgesprochene Familienregeln. Oft begleiten sie uns ein Leben lang – und beeinflussen unsere beruflichen Entscheidungen, ohne dass wir es bemerken.

Noch bevor wir unsere erste Bewerbung schreiben oder über unseren Traumberuf nachdenken, haben wir bereits die wichtigsten Botschaften über Arbeit, Erfolg und Sicherheit erhalten – in unserer Familie. Sie ist häufig unsere erste Karriereberaterin.

In meiner Arbeit als Karriereberaterin erlebe ich immer wieder, dass Menschen zunächst glauben, ihre beruflichen Entscheidungen ausschließlich rational getroffen zu haben. Schaut man jedoch genauer hin, zeigt sich häufig ein anderes Bild: Unsere Vorstellungen von Erfolg, Sicherheit, Leistung oder Anerkennung sind oft viel stärker von unserer Herkunft geprägt, als uns bewusst ist.

Die systemische Karriereberatung geht davon aus, dass berufliche Entscheidungen nie losgelöst von unserem Umfeld entstehen. Familie, Werte, Rollenbilder und prägende Erfahrungen bilden den Rahmen, in dem wir unseren beruflichen Weg entwickeln. Wer diese Zusammenhänge versteht, gewinnt mehr Klarheit und kann bewusster entscheiden – nicht gegen etwas, sondern für den eigenen Weg.

Karriere beginnt lange vor der ersten Bewerbung

Unsere erste Vorstellung von Arbeit entsteht nicht im Berufsleben, sondern in unserem Elternhaus. Dort erleben wir, wie über Arbeit gesprochen wird, welche Berufe Anerkennung erfahren und was als Erfolg gilt.

Manche Familien legen großen Wert auf Sicherheit und Beständigkeit. Andere fördern Leistungsbereitschaft, Selbstständigkeit oder gesellschaftliches Ansehen. Wieder andere vermitteln, dass Arbeit vor allem Freude machen soll.

Diese Werte sind weder richtig noch falsch. Sie sind häufig das Ergebnis der Erfahrungen früherer Generationen. Wer wirtschaftliche Unsicherheit erlebt hat, wird seinen Kindern vermutlich andere Empfehlungen mitgeben als Eltern, die berufliche Selbstverwirklichung erfahren durften.

Aus systemischer Sicht sind diese Erfahrungen keine Randnotizen unserer Biografie. Sie bilden vielmehr den Hintergrund, vor dem wir spätere Karriereentscheidungen treffen – häufig, ohne uns dessen bewusst zu sein.

Problematisch wird es erst dann, wenn wir diese Überzeugungen unbewusst übernehmen und gar nie hinterfragt werden. Dann treffen wir Entscheidungen möglicherweise nicht aufgrund unserer eigenen Bedürfnisse, sondern folgen einem inneren Auftrag, der ursprünglich gar nicht unser eigener war.

Welche inneren Aufträge begleiten Sie?

In Beratungen begegnen mir häufig Glaubenssätze wie:

  • Sicherheit geht immer vor.
  • Ein Beruf beim Staat ist das Beste, was dir passieren kann.
  • Hauptsache, du hast einen festen Arbeitsplatz.
  • Sei bescheiden und falle nicht auf.
  • Geld allein macht nicht glücklich.
  • Erst wenn du hart arbeitest, hast du Erfolg verdient.
  • Man bleibt seinem Arbeitgeber treu.
  • Erfolg bedeutet, Karriere zu machen.
  • Wer Verantwortung übernimmt, trägt auch viel Last.

Viele dieser Überzeugungen haben Menschen über Jahre Orientierung gegeben. Gleichzeitig können sie dazu führen, dass Karriereentscheidungen schwerfallen oder Entwicklungsmöglichkeiten gar nicht erst wahrgenommen werden.

Nicht selten spüren Klientinnen und Klienten genau das: Irgendetwas hält sie zurück. Sie können es jedoch zunächst nicht benennen.

Deshalb lohnt es sich, die eigenen Glaubenssätze und familiären Aufträge bewusst zu erforschen. Im Ergebnis erweitert sich damit oftmals der eigene Handlungsspielraum.

Drei Wege, den eigenen Karrierekompass besser zu verstehen

In meiner Karriereberatung haben sich dafür drei Zugänge besonders bewährt.

  1. Der Blick zurück – die eigene Biografie verstehen

Gemeinsam betrachten wir den bisherigen Lebens- und Berufsweg.

  • Welche Entscheidungen waren prägend?
  • Warum wurde gerade dieser Beruf gewählt?
  • Weshalb blieb jemand in einer Position, obwohl sie längst nicht mehr erfüllend war?
  • Wann wurden Chancen genutzt – und wann bewusst vermieden?

Besonders spannend wird dabei die Frage:

Welcher Glaubenssatz hat mich in dieser Lebensphase begleitet?

Oft entstehen genau hier die ersten Aha-Momente. Plötzlich wird sichtbar, dass bestimmte Entscheidungen weniger aus eigener Überzeugung entstanden sind, als aus übernommenen Werten.

  1. Das Gespräch mit den Eltern oder wichtigen Bezugspersonen

Wenn es möglich und sinnvoll ist, rege ich meine Klientinnen und Klienten an, mit ihren Eltern oder anderen wichtigen Bezugspersonen ins Gespräch zu gehen.

Fragen können dabei sein:

  • Was bedeutet für euch beruflicher Erfolg?
  • Was habt ihr euch früher für mich gewünscht?
  • Worauf wart ihr besonders stolz?
  • Welche Eigenschaften waren euch im Berufsleben wichtig?

Die Antworten überraschen häufig. Viele Eltern wünschen sich vor allem, dass ihre Kinder ein sicheres und erfülltes Leben führen. Die daraus entstandenen Botschaften waren oft Ausdruck von Fürsorge.

Allein dieses Verständnis verändert häufig den Blick auf die eigene Karriere.

  1. Die Vorbild-Recherche

Ebenso aufschlussreich ist die Frage nach den eigenen Vorbildern.

Welche Menschen beeindrucken mich beruflich?

Und noch wichtiger:

Was genau fasziniert mich an ihnen?

Ist es ihre Freiheit? Ihr Mut? Ihre Gelassenheit? Ihre fachliche Kompetenz? Ihre Kreativität? Ihr gesellschaftlicher Beitrag? Oder ihre Fähigkeit, Beruf und Privatleben gut miteinander zu verbinden?

Hinter unseren Vorbildern verbergen sich häufig unsere eigenen Werte – manchmal diejenigen, die bislang noch keinen Platz im eigenen Berufsleben gefunden haben.

 

Wenn aus einem Familienauftrag eine bewusste Entscheidung wird

Besonders berührend sind für mich die Momente, in denen Klientinnen und Klienten erkennen:

„Ich darf meinen eigenen Weg gehen.“

Vielleicht galt der Satz „Sicherheit geht vor“ vor 40 Jahren tatsächlich für die Lebenswirklichkeit der Eltern.

Heute darf daraus auch werden: „Sicherheit ist mir wichtig – und gleichzeitig wünsche ich mir Sinn, Entwicklungsmöglichkeiten und Gestaltungsspielraum.“

Oder aus dem familiären Auftrag „Mach etwas Vernünftiges“ wird die Erkenntnis:

„Ich darf erfolgreich sein, ohne mich zu verbiegen.“

Es geht dabei nicht darum, die Werte der Familie in Frage zu stellen oder gar abzulehnen. Im Gegenteil: Sie verdienen in den allermeisten Fällen sogar Respekt, denn sie entstanden aus Erfahrungen und mit der besten Absicht.

Entscheidend ist vielmehr, bewusst zu entscheiden, welche dieser Werte heute noch zu den eigenen Lebenszielen passen – und welche weiterentwickelt werden dürfen.

Karriere bedeutet auch Persönlichkeitsentwicklung

Berufliche Entscheidungen entstehen selten nur im Kopf. Sie sind eng mit unserer Biografie, unseren Erfahrungen und den Systemen verbunden, in denen wir aufgewachsen sind.

Wer diese Zusammenhänge erkennt, erweitert seinen Entscheidungsspielraum. Karriereberatung bedeutet für mich deshalb weit mehr als die Suche nach dem nächsten Job oder der passenden Weiterbildung. Sie lädt dazu ein, den eigenen Lebensweg besser zu verstehen, alte Muster zu erkennen und daraus neue Möglichkeiten zu entwickeln.

Eine gute Karriere entsteht nicht dadurch, dass wir den Erwartungen anderer folgen. Sie entsteht dann, wenn wir unsere eigenen Werte kennen, unsere Stärken bewusst einsetzen und Entscheidungen treffen, die wirklich zu unserem Leben passen.

Denn die wichtigste Karriereentscheidung lautet oft nicht:

„Welchen Job soll ich als Nächstes annehmen?“

Sondern:

„Welchen Weg möchte ich wirklich gehen – und welcher Teil davon ist tatsächlich meiner?“

Autoreninformation

Dr. Claudia Sorg-Barth ist Mitglied der DGfK. Sie arbeitet als Karriereberaterin, Business Coach und Trainerin und unterstützt Menschen dabei, ihr Potenzial zu entfalten, wirksam zu kommunizieren und ihren beruflichen Weg mit Klarheit zu gestalten. 

Der verdeckte Stellenmarkt

Der verdeckte Stellenmarkt

Wo die besten Stellen wirklich vergeben werden

Von Laura Sander

Der Arbeitsmarkt verändert sich: Anforderungsprofile verschieben sich, Berufsbilder wandeln sich im Zuge von KI und Fachkräftemangel und mit ihnen auch der Zugang zum verdeckten Stellenmarkt. Wer beruflich weiterkommen möchte, merkt oft als Erstes, dass die klassischen Bewerbungsprozesse nicht mehr zuverlässig greifen.

Zwanzig Bewerbungen oder mehr verschickt, kaum Einladungen. Und wenn doch: Im Vorstellungsgespräch wird schnell klar, die Stelle ist eigentlich schon vergeben. Der Lebenslauf passte zur Stellenanzeige, das Anschreiben war stimmig formuliert und trotzdem das Gefühl gegen eine unsichtbare Wand zu laufen.

Kommt Ihnen das bekannt vor? Dahinter steckt kein Zufall und keine persönliche Schwäche, sondern die Art, wie Stellen tatsächlich vergeben werden: oft lange bevor sie irgendwo ausgeschrieben sind, auf dem sogenannten verdeckten Stellenmarkt.

Wie Arbeitgeber suchen, bevor eine Stelle ausgeschrieben wird

Den Bedarf spürt zuerst nicht die Personalabteilung, sondern die Fachabteilung selbst. Das Team ächzt unter der Mehrarbeit, liegen gebliebene Aufgaben stapeln sich. Die zuständige Führungskraft überlegt dann zuerst ganz persönlich: Wen kenne ich, der oder die passen könnte?

Führt der erste Griff zum Telefon nicht zum Ziel, wird der Kreis größer. Erst fragt sie die eigenen Mitarbeiter. Dann die Nachbarabteilung. Dann geht es über Bekannte von Bekannten. Reicht auch das nicht, geht der Blick z.B. zum Alumni-Netzwerken, den Fach- und Branchenverbänden und Kontakten auf Messen. All das bleiben informelle Gespräche. Etwas Schriftliches zur Stelle gibt es zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Erst wenn im eigenen Umfeld niemand einfällt, kommt die Personalabteilung und die interne Datenbank der Initiativbewerbungen ins Spiel. Die Position wird schriftlich festgehalten und eine Checkliste erstellt, an der sich die Bewerber messen müssen. Führt auch das nicht zum Ziel, wird die Stelle sichtbar: auf der Homepage, in Jobportalen, bei Personalberatungen oder je nach Branche auch in Zeitungsanzeigen. Genau dort verbringen die meisten Bewerber ihre Zeit. Es entsteht ein strukturelles Missverhältnis. Bewerber suchen dort, wo Stellen sichtbar, aber selten sind. Unternehmen besetzen dort, wo sie auf Kontakte und Netzwerk vertrauen, unsichtbar für alle, die von außen drauf schauen.

Was die Zahlen dazu sagen

Der verdeckte Stellenmarkt ist keine gefühlte Wahrnehmung, sondern durch Daten gestützt. Die IAB-Stellenerhebung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung zeigt, dass nur rund ein Drittel aller neu besetzten Stellen über Jobportale und Printanzeigen gefunden wird. Der Rest läuft über informelle Wege: Empfehlungen, bestehende Kontakte, Personalberatungen, interne Vorschläge. Bei Fach- und Führungspositionen deuten Hinweise aus der Branche auf einen noch höheren Anteil hin.

Eine Ausnahme sind Mangelberufe wie Pflege oder Gastronomie: Dort ist der Markt oft so leergefegt, dass Arbeitgeber direkt zu Jobportalen oder Headhuntern übergehen. Informationsgespräche lohnen sich aber auch hier, denn es geht nicht darum, irgendeine Stelle zu bekommen, sondern die mit den passenden Rahmenbedingungen zu finden.

Wer sich ausschließlich auf ausgeschriebene Stellen konzentriert, bewirbt sich also um den kleineren Teil des Arbeitsmarkts und tut das im direkten Wettbewerb mit sehr vielen anderen gut Qualifizierten.

Was stattdessen wirkt: Informationsgespräche statt Bewerbungsgespräche

Ein wirksamer Zugang zum verdeckten Stellenmarkt sind Informationsgespräche: kurze, gezielte Gespräche mit Menschen, die bereits in der Zielbranche arbeiten. Kein Bewerbungsgespräch, kein Pitchen der eigenen Person, sondern authentisches Interesse an der Branche und der eigenen Bereichsklärung: Wie sind Sie dazu gekommen, in dieser Branche zu arbeiten? Was gefällt Ihnen daran, was nicht? Es geht nicht um den Arbeitsalltag bei einem bestimmten Arbeitgeber, sonst wirkt das Gespräch schnell wie eine getarnte Bewerbung, sondern um die Branche als Ganzes.

Entscheidend ist die Haltung: Wer mit Neugier statt mit einer cleveren Strategie hineingeht, kommt genau in die informellen Kreise hinein, in denen Unternehmen tatsächlich zuerst suchen und nimmt sich dabei zugleich die größte Hürde beim Netzwerken: die Angst, aufdringlich zu wirken.

Ein Beispiel aus der Praxis:

Ein Coachee wollte von der klassischen Personalberatung in Richtung Employer Branding wechseln. Über zwölf Informationsgespräche mit Menschen aus unterschiedlichen Fachbereichen der Zielbranche bekam sie nicht nur ein realistisches Bild der Anforderungen, sondern auch ein Gespür dafür, wohin sich Employer Branding in den nächsten fünf Jahren entwickelt und was Mitarbeiter brauchen, um für diese Entwicklung gut gewappnet zu sein. Zusätzlich konnte sie abgleichen, wo sie sich passend fühlte und wo Werte und Rahmenbedingungen zu ihr passten, denn genau das lässt sich in solchen Gesprächen mitklären. Mit vier der Gesprächspartner führte sie dafür ein zweites Gespräch. Über diesen Austausch bekam sie nicht nur ein realistisches Bild der Bereiche, sondern auch eine Strategie, welche Weiterbildungen für sie als Nächstes sinnvoll sind. Am Ende erfuhr sie von einer Position, die noch gar nicht ausgeschrieben war: eine Elternzeitvertretung im Employer Branding.

Wo Sie den verdeckten Stellenmarkt konkret finden

Drei Ansatzpunkte, mit denen Sie sofort anfangen können:

    • Branchenveranstaltungen und Fachverbände: Konferenzen, Regionaltreffen und Fachgruppen sind Orte, an denen Menschen aus Ihrem Zielbereich unter sich sind, oft mit Zeit für ein kurzes Gespräch am Rande.
    • Alumni-Netzwerke: Ehemalige Kommilitonen aus Studium oder Ausbildung arbeiten oft schon in genau den Bereichen, die Sie interessieren und sind erfahrungsgemäß zugänglicher als noch fremde Kontakte.
    • Eigene Ressourcen sichtbar machen: Erstellen Sie eine Liste mit 20 bis 30 Menschen aus Ihrem Leben, unabhängig davon, ob diese etwas mit Ihrer Zielbranche zu tun haben. Auch die Nachbarin oder die Freundin aus dem Sportstudio lässt sich fragen: Kennst du zufällig jemanden, der in der Branche arbeitet? Mir geht es dabei nicht um eine bestimmte Position, sondern um den Einblick.

So bereiten Sie ein Informationsgespräch vor

  1. Die Anfrage klein und konkret halten. Zum Beispiel: „Ich orientiere mich beruflich um, Employer Branding ist eine mögliche Richtung, die mich interessiert. Bevor ich mich entscheide, würde ich gerne noch mit Menschen aus dem Bereich sprechen, um zu sehen, ob das wirklich zu mir passt. Hätten Sie zwölf bis dreizehn Minuten Zeit für meine vier Fragen dazu?“
  2. Konkrete Fragen vorbereiten: Wie sind Sie in die Branche gekommen? Was gefällt Ihnen gut an der Arbeit in der Branche, was nicht so gut? Was denken Sie: Wohin entwickelt sich die Branche in den nächsten fünf Jahren?
  3. Nicht um einen Job bitten. Ergibt sich während des Gesprächs von selbst ein Jobhinweis oder wird eine freie Stelle in Aussicht gestellt, freuen Sie sich, bedanken sich und halten den Ball trotzdem flach: Gerade im zweiten oder dritten Informationsgespräch fehlt oft noch der Insiderüberblick, um aus der Fülle heraus eine gute Entscheidung zu treffen. Besser noch abwarten und nicht zu früh aussteigen, damit die Informationsgespräche ihre volle Qualität entfalten können. Zum eigenen Einstellungsgespräch lädt man dann ein, wenn die Bereichsklärung durch die Gespräche abgeschlossen ist und wirklich klar ist, wohin die Reise gehen soll.
  4. Danach dranbleiben und dokumentieren: eine Danksagungskarte per Post als Ausdruck von Wertschätzung für die Zeit, die sich Ihr Gegenüber genommen hat, am besten mit einem konkreten Bezug auf das, was im Gespräch hängen geblieben ist oder was Sie weiterverfolgen möchten. So wird sichtbar, dass aus dem Gespräch wertvolle Informationen kamen, für die sich das Dankeschön lohnt. Zusätzlich die wiederkehrenden Themen aus den Gesprächen festhalten. So wird aus einzelnen Gesprächen ein System statt die Jobsuche dem Zufall zu überlassen.

Was ist Life/Work Planning?

Eine strukturierte Methode zur beruflichen Neuorientierung, entwickelt von Richard Nelson Bolles und John Webb. Sie kombiniert Selbstklärung mit einem konkreten Zugang zum Arbeitsmarkt über Informationsgespräche statt klassischer Bewerbungen.

Der Unterschied, der zählt

Wer beruflich nicht weiterkommt, braucht meist nicht noch mehr Bewerbungen, sondern einen anderen Zugang zum Stellenmarkt. Ein systemischer Grundsatz gilt auch hier: Was nicht funktioniert, in größerer Menge zu wiederholen, führt selten weiter, sondern etwas anderes auszuprobieren. Der verdeckte Stellenmarkt ist kein Geheimtipp für Insider, sondern ein Weg, der sich lernen und als feste Routine etablieren lässt: Ein bis zwei Informationsgespräche pro Woche reichen als Einstieg gut aus, wenn daraus über mehrere Monate eine feste Routine im Kalender wird.

Autoreninformation

Laura Sander ist seit 2018 Karrierecoachin in Hannover mit eigener Praxis und mit Fokus auf Akademiker und Führungskräfte sowie systemische Beraterin bei der Weiterbildungsberatung Hannover (WBB). Sie ist IHK-geprüfte Coach mit Zusatzausbildung beim Schulz von Thun Institut und zertifizierte Life/Work Planning Coachin (ZEW der Leibniz Universität Hannover). Sie begleitet Menschen dabei, ihre berufliche Zukunft selbstbestimmt in die Hand zu nehmen.

Karriere im KI-Zeitalter

Von Elke Wagenpfeil

Wie künstliche Intelligenz den Arbeitsmarkt verändert – und warum berufliche Weiterentwicklung, ein stetes Auge auf Arbeitsmarkttrends bis hin zur klugen Neuorientierung heute wichtiger sind als je zuvor.

Die Zukunft der Karriere beginnt jetzt

Wer heute über Karriere nachdenkt, denkt zunehmend auch über künstliche Intelligenz nach. In Büros schreiben Algorithmen Berichte, in Fabriken optimieren Systeme Produktionsabläufe, und in Krankenhäusern analysiert Software medizinische Bilder. Für viele Arbeitnehmende entsteht dadurch eine ganz neue Herausforderung: Wie bleibt man in einer Arbeitswelt relevant, die sich immer schneller verändert?

Doch bevor man über die Zukunft spricht, lohnt sich ein kurzer Blick zurück. Prognosen über den Arbeitsmarkt waren schon immer schwierig. Auch in Deutschland gab es immer wieder Berufe, die zunächst als sichere Zukunftswahl galten – nur um wenige Jahre später von einem Überangebot geprägt zu sein. Ein klassisches Beispiel ist der Lehrerberuf. In den 1970er-Jahren sprach man in Deutschland von einer regelrechten „Lehrerschwemme“. Zehntausende AbsolventInnen konkurrierten um wenige Stellen. Einige Bundesländer stellten jahrelang kaum neue LehrerInnen ein. Jahrzehnte später hat sich das Bild komplett gedreht: Prognosen gehen davon aus, dass in Deutschland im Schuljahr 2025/26 rund 35.000 Lehrkräfte fehlen könnten, fünf Jahre später sogar 68.000.

Ein ähnlicher Zyklus zeigt sich in technischen Berufen. Noch Anfang der 2000er-Jahre wurde intensiv dafür geworben, mehr junge Menschen für Informatik und MINT-Studiengänge zu gewinnen. Tatsächlich stieg die Zahl der AbsolventInnen deutlich. Gleichzeitig verändert sich aber auch hier die Nachfrage ständig. So lag der Fachkräftebedarf im MINT-Bereich zeitweise bei über 320.000 fehlenden Fachkräften in Deutschland. Die MINT-Arbeitskräftelücke lag laut IW Köln im Dezember 2025 bei 142.000 Personen, das entspricht 23,2 Prozent niedriger als im Dezember 2024. Viele Hochschulabsolventen stellen dies aktuell fest und berichten von erschwerten Einstiegsbedingungen.

Was bedeutet das für Ihre Karriereplanung? Ganz einfach: Selbst gut gemeinte Prognosen können sich als falsch erweisen. Genau deshalb wird es immer wichtiger, die eigene berufliche Weiterentwicklung aktiv zu gestalten – statt sich allein auf Trends zu verlassen.

Drei Szenarien für den Arbeitsmarkt der Zukunft

Wie genau sich Arbeit im KI-Zeitalter entwickeln wird, ist offen. Studien zur Technologieentwicklung beschreiben jedoch drei plausible Szenarien.

Szenario 1: Die produktive KI-Arbeitswelt

Im optimistischsten Szenario wird künstliche Intelligenz vor allem zu einem Werkzeug, das Arbeitnehmende produktiver macht. Ähnlich wie Computer oder Internet verändert KI den Arbeitsalltag – ersetzt den Menschen aber nicht. Eine internationale Arbeitsmarktstudie der OECD aus 2023 zeigt, dass über 80 % der Mitarbeitenden, die mit künstlicher Intelligenz arbeiten, von einer verbesserten Leistung sprechen. Gerade in Arbeitsbereichen wie Medizin, Industrie oder Marketing könnte sich dadurch die tägliche Arbeit verändern. Ärztinnen und Ärzte nutzen KI bereits bei der Analyse medizinischer Daten. Ingenieure arbeiten mit intelligenten Produktionssystemen. Und im Marketing entstehen Inhalte zunehmend in Zusammenarbeit mit KI-Tools.

Stellen Sie sich vor, Sie arbeiten im Marketing, in der Verwaltung oder im Projektmanagement. Routineaufgaben wie Protokolle, Analysen oder Präsentationen lassen sich teilweise automatisieren. Was bleibt, sind strategische Entscheidungen, Kreativität und Kommunikation. Für Ihre Karriereentwicklung bedeutet das eine entscheidende Frage: Nutzen Sie diese Werkzeuge bereits – oder überlassen Sie sie anderen?

Szenario 2: Der polarisierte Arbeitsmarkt

Ein zweites Szenario wird in vielen Studien ebenfalls diskutiert: ein stärker gespaltener Arbeitsmarkt in der Form, dass hoch qualifizierte Arbeitnehmende profitieren und niedrig qualifizierte Berufe negative Auswirkungen im Hinblick auf Arbeitsmarkt-Chancen und Gehaltsentwicklung hinnehmen müssen.

Was bedeutet das konkret für Ihre berufliche Zukunft? Viele klassische Routineaufgaben könnten verschwinden. Denken Sie an einfache Sachbearbeitung, Datenerfassung, Standard-Buchhaltung oder repetitive administrative Tätigkeiten. Gleichzeitig entstehen neue Chancen in Bereichen wie Datenanalyse, Cybersecurity, KI-Entwicklung, Bildung oder Gesundheitswesen. In solchen Situationen wird professionelle Karriereberatung besonders wichtig. Wer früh erkennt, wie sich sein Beruf verändert, kann gezielt neue Kompetenzen aufbauen.

Vielleicht stellen Sie sich gerade selbst eine Frage: Wird mein Job in zehn Jahren noch existieren? Die bessere Frage lautet oft: Wie wird sich mein Job verändern?

Szenario 3: Die große berufliche Neuorientierung

Das dritte Szenario ist das radikalste. Hier verändert KI nicht nur einzelne Aufgaben – sondern ganze Berufsbilder. Schon heute entstehen neue Rollen: KI-Trainer, Prompt-Designer, Datenethiker, Automatisierungsberater oder AI-Produktmanager – (m/w/d). Vor wenigen Jahren kannte kaum jemand diese Berufe. Was bedeutet das für Arbeitnehmende? Berufliche Neuorientierung wird zunehmend normal. Viele Karrieren verlaufen nicht mehr linear, sondern bestehen aus mehreren Etappen.

Die Frage lautet also nicht mehr: Werde ich mein ganzes Leben denselben Beruf ausüben? Sondern: Wie oft werde ich mich neu erfinden?

Was Arbeitnehmende jetzt tun können

Die gute Nachricht: Niemand muss diese Veränderungen passiv abwarten. Viele Strategien aus moderner Karriereberatung und Karriere Coaching helfen bereits heute dabei, sich auf den Wandel vorzubereiten.

#1: KI verstehen statt fürchten

Viele Arbeitnehmende erleben KI zunächst als Bedrohung. Doch die entscheidende Kompetenz besteht darin, Ergebnisse kritisch zu prüfen, sie zu verstehen und produktiv einzusetzen.

Wie können Sie das konkret tun? Heute gibt es zahlreiche kostenlose Möglichkeiten zur beruflichen Weiterbildung im Bereich künstliche Intelligenz. Kostenlose Onlinekurse bieten beispielsweise Universitäten und Lernplattformen. Besonders beliebt sind Kurse zu „Prompt Engineering“, Datenanalyse oder Automatisierung. Plattformen wie Coursera, edX oder YouTube bieten komplette Einsteigerprogramme – häufig kostenlos oder sehr günstig. Auch viele Unternehmen stellen interne KI-Trainings bereit. Wer sich aktiv damit beschäftigt, kann seine Produktivität deutlich steigern.

Neben dem Erwerb von KI-Grundlagen macht es Sinn, sich in seinem Fachgebiet eine Doppelkompetenz aufzubauen, so zum Beispiel KI plus Medizin, KI plus Recht oder KI plus Sales. Schon heute zeigen Studien eine deutliche Zunahme an Stellenausschreibungen mit KI-Bezug. Im Personalwesen beispielsweise gehen die Stellenausschreibungen seit 2022 insgesamt zurück, doch HR-Stellenausschreibungen mit KI-Bezug sind seit Anfang 2025 kräftig gewachsen.

#2: Nicht nur Fachwissen – sondern Problemlösung

KI ist hervorragend darin, Informationen zu verarbeiten. Schwieriger wird es, zumindest aktuell noch, bei komplexen Entscheidungen oder kreativen Aufgaben. Deshalb gewinnen Fähigkeiten wie kritisches Denken, Kommunikation, Kreativität und interdisziplinäres Denken an Bedeutung. KarriereberaterInnen sagen, es geht weniger um einzelne Tools, sondern um Denkweisen.

Fragen Sie sich selbst: Können Sie komplexe Probleme strukturieren? Können Sie Teams führen? Können Sie neue Ideen entwickeln? Diese Fähigkeiten bleiben langfristig gefragt.

#3: Karriere aktiv planen

Früher verlief eine Karriere häufig linear: Ausbildung, Berufseinstieg, Aufstieg im Unternehmen. Heute ähnelt eine Karriere eher einem Netzwerk aus Projekten, Rollen und neuen Kompetenzen. Wer seine Karriereplanung aktiv gestaltet, beobachtet Trends, entwickelt neue Fähigkeiten und überprüft regelmäßig seine Position im Arbeitsmarkt.

Stellen Sie sich daher ruhig eine provokante Frage: Wenn Sie heute noch einmal neu anfangen müssten – würden Sie denselben Karriereweg wählen?

#4: Sichtbarkeit erhöhen

In einer digitalen Arbeitswelt wird Sichtbarkeit immer wichtiger. Recruiter suchen heute häufig direkt in Netzwerken nach Kandidaten. Ein professionelles LinkedIn-Profil, sichtbare Projekte oder regelmäßige Weiterbildung können daher entscheidend sein – besonders bei einer Bewerbung.

Viele Personalabteilungen nutzen inzwischen automatisierte Systeme zur Vorauswahl von Bewerbungen. Wer seine Kompetenzen klar kommuniziert und digitale Profile pflegt, verbessert seine Chancen erheblich.

#5: Mut zur beruflichen Neuorientierung

Der vielleicht wichtigste Karriere-Tipp lautet: Veränderung akzeptieren.

Viele erfolgreiche Lebensläufe bestehen heute aus mehreren Karrieren. Manche wechseln von der Industrie in die Beratung. Andere gehen von der Wissenschaft in Start-ups oder von Konzernen in die Selbstständigkeit. Eine berufliche Neuorientierung ist längst kein Zeichen von Unsicherheit mehr – sondern oft ein Zeichen von Anpassungsfähigkeit. Und dies betrifft vielleicht zunehmend nicht nur den Wechsel der Branche, sondern vermehrt der inhaltlichen Ausrichtung.

Ein Job bleibt sicher

Bei allen Unabwägbarkeiten, denn niemand hat eine Glaskugel, bleibt ein Job sicher: Nennen wir ihn den „Self Development Manager“.

Wer bereit ist, permanent Trends in seinem Job zu analysieren, seine Fähigkeiten regelmäßig weiterzuentwickeln, Weiterbildung zu nutzen und seine Karriere aktiv zu gestalten, wird auch im KI-Zeitalter erfolgreich sein. Bis hin zur Überlegung, was Sie tun wollen, wenn die KI irgendwann in der Zukunft jeden Job erledigt und Staaten ein bedingungsloses Grundeinkommen vergeben. Wofür möchten Sie dann Ihre Zeit produktiv und sinnstiftend nutzen? Oder anders gefragt: Wenn sich die Arbeitswelt ohnehin verändert – warum sollten Sie nicht derjenige sein, der den Wandel für sich nutzt?

Zusammenfassung

Die Karriere im KI-Zeitalter erfordert mehr Eigeninitiative als je zuvor. Mit gezielter beruflicher Weiterentwicklung, kluger Karriereplanung und gegebenenfalls einer mutigen beruflichen Neuorientierung können Arbeitnehmende ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt deutlich verbessern – und ihre nächste Bewerbung erfolgreich gestalten.

Autoreninformation

Die Frankfurter Psychologin Elke Wagenpfeil ist Expertin rund um Job & Karriere und Mitglied bei der Deutschen Gesellschaft für Karriereberatung. Viele Jahre hat sie selbst als Personalerin in einem internationalen Konzern Führungskräfte bei Personalbesetzungen weltweit beraten.

Jobs der Zukunft

Ein Interview von unserem Mitglied Doris Brenner mit Hartwin Maas

Durch einen Beitrag bin ich auf Hartwin Maas, Zukunftsforscher und Mitbegründer des Instituts für Generationenforschung (www.generation-thinking.de) gestoßen, in dem er die These aufstellte, dass von den heute geborenen Kindern, 65% in Jobs arbeiten werden, die es heute noch nicht gibt. Diese Prognose ist insbesondere für die Karriereberatung von hoher Relevanz, wenn wir unsere Kunden auch auf dem Weg in den zukünftigen Arbeitsmarkt kompetent begleiten wollen.

Doris Brenner: Herr Maas, Sie stellen die These auf, dass von den heute geborenen Kindern 65% in Jobs arbeiten werden, die es heute noch nicht gibt? Wie kommen Sie zu dieser Aussage?

Hartwin Maas: In den letzten zwanzig Jahren haben sich schon sehr viele neue Jobs entwickelt und Tätigkeitsprofile stark geändert. Beispielsweise, neben Modifizierungen in den Ausbildungsberufen gibt es seitdem ca. 24 Neue. In den nächsten 25 Jahren werden neue Berufsfelder entstehen, die durch technologische, ökologische, demografische und gesellschaftliche Veränderungen angetrieben werden. Technologische Veränderung passiert nicht mehr linear, sondern exponentiell. Bis 2050 werden Berufe verschwinden und 65 % der heute geborenen Kinder könnten in der Tat in Jobs arbeiten, die noch gar nicht existieren.

Ich kann jedoch die Angst vor KI als Jobvernichter nehmen, denn KI wird einzelne Aufgaben übernehmen, nicht aber einen ganzen Beruf. Letztendlich werden durch Automatisierung und KI in sämtlichen Bereichen bis 2030 deutlich mehr Jobs geschaffen als vernichtet. Es wird ein Nettobeschäftigungszuwachs von 7 % geben.

Doris Brenner: Welche Jobs werden das sein?

Hartwin Maas: Neue Berufsfelder sind oft eine Verkettung von vielen Änderungen. Sie entstehen beispielsweise durch den Klimawandel im Nachhaltigkeitsbereich. Es wird neue Berufe in der Kreislaufwirtschaft, neue Formen der Landwirtschaft oder im Kohlenstoffhandel geben. Durch die alternde Bevölkerung und die damit einhergehende Zunahme altersbedingter Krankheiten werden Berufe in der Biotechnologie, Bioinformatik für personalisierte Medizin, Klontechnologie oder Longevity Coaches gefragt werden. Zurzeit fließen viele Gelder in die Weltraumtechnologie, hier könnte es neue Berufsfelder bzgl. Mond- und Marsmissionen geben. Die Anwendung von KI-Systemen, Robotik und Automatisierung in allen Bereichen könnte Berufsfelder wie Digital Twin Designer, KI Trainer, Ethik-Auditor für KI ergeben.

Doris Brenner: Was werden aus Ihrer Sicht die zentralen Anforderungen dieser zukünftigen Jobs sein?

Hartwin Maas: Die Anforderungen an bereichsübergreifendes Handeln und die Kommunikation auf unterschiedlichen Kanälen werden weiter zunehmen. In vielen Bereichen ist eine zunehmende Komplexität und Parallelisierung der Aufgaben zu beobachten. „KI-Kompetenzen“ werden als wünschenswerte Zusatzqualifikation betrachtet werden. Dabei geht es nicht nur um die stumpfe Anwendung, sondern eine Technik einzusetzen für effektives Arbeiten auf höherem Niveau. Hierbei ist insbesondere der Begriff der „Digital Literacy“ zu nennen: Die Fähigkeit, in unterschiedlichen digitalen Schriftquellen Zusammenhänge zu erkennen, diese zu verstehen, zu interpretieren und sinnvoll für sich zu nutzen. Hinzu kommen weitere Fähigkeiten, wie jene, Veränderungen wahrzunehmen und zu bewältigen, oder die Ambiguitätstoleranz, d. h. die Fähigkeit, mit Ungewissheiten und Widersprüchen konstruktiv umzugehen. Auch Selbstorganisation und kritisches Denken werden zunehmend relevanter werden.

Doris Brenner: Wie können sich heutige Arbeitnehmer am besten auf diese zukünftigen Anforderungen vorbereiten bzw. weiterbilden?

Hartwin Maas: Die Anpassungsfähigkeit der Arbeitnehmer an technologische Veränderungen wird entscheidend sein. Die Anzahl an Menschen, die sich nun zwangsläufig fortbilden muss, wird erheblich mehr werden. Das Konzept des lebenslangen Lernens und Upskilling wird mehr als ein Trend sein. Upskilling ist entscheidend für den Erfolg. Es hilft nicht nur den eigentlichen Job besser zu machen, sondern auch relevanter und wettbewerbsfähig in einem anspruchsvollen Arbeitsmarkt zu bleiben und sich zu bemühen, mit der anhaltenden und rasanten technologischen Revolution Schritt zu halten. Zurzeit trifft es vor allem die Älteren. Deshalb rate ich Unternehmen verstärkt in die älteren Generationen zu investieren.

Doris Brenner: Sehen Sie internationale Unterschiede im Hinblick auf die zukünftige Jobs? Und wenn ja, wo werden in Deutschland bzw. Europa die Schwerpunkte liegen?

Hartwin Maas: In den Jobs sehe ich nicht unbedingt internationale Unterschiede, eher im Datenverständnis, in der Flexibilität und Haltung zur Arbeit. In anderen Ländern, wie Ägypten, Indien, Ruanda scheinen beispielsweise Nachwuchskräfte durchaus ambitionierter zu sein und nutzen die technologischen Entwicklungen als Chance. Die breite KI-Nutzung ändert auch die Jobqualifikationen. In Indien und USA beispielsweise fragen Arbeitgeber zunehmend mehr nach den Fähigkeiten als nach dem Abschluss. In Deutschland wird uns die Überakademisierung auch auf die Füße fallen, da der akademische Abschluss an Aussagekraft und Ansehen verliert. Obwohl Deutschland bei technologischen, ökologischen, demografischen und gesellschaftlichen Veränderungen träge oder zumindest zurückhaltend zu sein scheint, ist es noch die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt nach den USA und China und die größte in Europa.

Wir sind nach wie vor Spitzenreiter in der KI-Grundlagenforschung, Quantencomputing und Lasertechnik, dies sollte forciert werden und Forschung und Wirtschaft mehr verzahnt werden, damit es auch in Zukunft ein Schwerpunkt bleibt. In der Anzahl der Datenzentren ist Deutschland weltweit auf Platz zwei. Zudem verfügt Deutschland über die meisten Hidden Champions, wie im Bereich Spezialmaschinenbau, Klimatechnik, Druckluftsysteme, Landmaschinen, Gartengeräte und vieles mehr, die in ihrer Nische oft unbemerkt, aber global führend sind.

Doris Brenner: Herr Maas haben Sie vielen Dank für dieses Interview und Ihre Einschätzung.

Autoreninformation

Doris Brenner ist Wirtschaftswissenschaftlerin mit langjähriger Erfahrung in Fach- und Führungspositionen in der Industrie. Als Karriereberaterin und systemischer Coach hat sie u.a. zahlreiche (Nachwuchs)-Wissenschaftler in Karriereentscheidungen unterstützt und begleitet. Doris Brenner ist Initiatorin und Gründungsvorstand der DGfK Deutsche Gesellschaft für Karriereberatung e.V.