a

Von Elke Wagenpfeil

Wie künstliche Intelligenz den Arbeitsmarkt verändert – und warum berufliche Weiterentwicklung, ein stetes Auge auf Arbeitsmarkttrends bis hin zur klugen Neuorientierung heute wichtiger sind als je zuvor.

Die Zukunft der Karriere beginnt jetzt

Wer heute über Karriere nachdenkt, denkt zunehmend auch über künstliche Intelligenz nach. In Büros schreiben Algorithmen Berichte, in Fabriken optimieren Systeme Produktionsabläufe, und in Krankenhäusern analysiert Software medizinische Bilder. Für viele Arbeitnehmende entsteht dadurch eine ganz neue Herausforderung: Wie bleibt man in einer Arbeitswelt relevant, die sich immer schneller verändert?

Doch bevor man über die Zukunft spricht, lohnt sich ein kurzer Blick zurück. Prognosen über den Arbeitsmarkt waren schon immer schwierig. Auch in Deutschland gab es immer wieder Berufe, die zunächst als sichere Zukunftswahl galten – nur um wenige Jahre später von einem Überangebot geprägt zu sein. Ein klassisches Beispiel ist der Lehrerberuf. In den 1970er-Jahren sprach man in Deutschland von einer regelrechten „Lehrerschwemme“. Zehntausende AbsolventInnen konkurrierten um wenige Stellen. Einige Bundesländer stellten jahrelang kaum neue LehrerInnen ein. Jahrzehnte später hat sich das Bild komplett gedreht: Prognosen gehen davon aus, dass in Deutschland im Schuljahr 2025/26 rund 35.000 Lehrkräfte fehlen könnten, fünf Jahre später sogar 68.000.

Ein ähnlicher Zyklus zeigt sich in technischen Berufen. Noch Anfang der 2000er-Jahre wurde intensiv dafür geworben, mehr junge Menschen für Informatik und MINT-Studiengänge zu gewinnen. Tatsächlich stieg die Zahl der AbsolventInnen deutlich. Gleichzeitig verändert sich aber auch hier die Nachfrage ständig. So lag der Fachkräftebedarf im MINT-Bereich zeitweise bei über 320.000 fehlenden Fachkräften in Deutschland. Die MINT-Arbeitskräftelücke lag laut IW Köln im Dezember 2025 bei 142.000 Personen, das entspricht 23,2 Prozent niedriger als im Dezember 2024. Viele Hochschulabsolventen stellen dies aktuell fest und berichten von erschwerten Einstiegsbedingungen.

Was bedeutet das für Ihre Karriereplanung? Ganz einfach: Selbst gut gemeinte Prognosen können sich als falsch erweisen. Genau deshalb wird es immer wichtiger, die eigene berufliche Weiterentwicklung aktiv zu gestalten – statt sich allein auf Trends zu verlassen.

Drei Szenarien für den Arbeitsmarkt der Zukunft

Wie genau sich Arbeit im KI-Zeitalter entwickeln wird, ist offen. Studien zur Technologieentwicklung beschreiben jedoch drei plausible Szenarien.

Szenario 1: Die produktive KI-Arbeitswelt

Im optimistischsten Szenario wird künstliche Intelligenz vor allem zu einem Werkzeug, das Arbeitnehmende produktiver macht. Ähnlich wie Computer oder Internet verändert KI den Arbeitsalltag – ersetzt den Menschen aber nicht. Eine internationale Arbeitsmarktstudie der OECD aus 2023 zeigt, dass über 80 % der Mitarbeitenden, die mit künstlicher Intelligenz arbeiten, von einer verbesserten Leistung sprechen. Gerade in Arbeitsbereichen wie Medizin, Industrie oder Marketing könnte sich dadurch die tägliche Arbeit verändern. Ärztinnen und Ärzte nutzen KI bereits bei der Analyse medizinischer Daten. Ingenieure arbeiten mit intelligenten Produktionssystemen. Und im Marketing entstehen Inhalte zunehmend in Zusammenarbeit mit KI-Tools.

Stellen Sie sich vor, Sie arbeiten im Marketing, in der Verwaltung oder im Projektmanagement. Routineaufgaben wie Protokolle, Analysen oder Präsentationen lassen sich teilweise automatisieren. Was bleibt, sind strategische Entscheidungen, Kreativität und Kommunikation. Für Ihre Karriereentwicklung bedeutet das eine entscheidende Frage: Nutzen Sie diese Werkzeuge bereits – oder überlassen Sie sie anderen?

Szenario 2: Der polarisierte Arbeitsmarkt

Ein zweites Szenario wird in vielen Studien ebenfalls diskutiert: ein stärker gespaltener Arbeitsmarkt in der Form, dass hoch qualifizierte Arbeitnehmende profitieren und niedrig qualifizierte Berufe negative Auswirkungen im Hinblick auf Arbeitsmarkt-Chancen und Gehaltsentwicklung hinnehmen müssen.

Was bedeutet das konkret für Ihre berufliche Zukunft? Viele klassische Routineaufgaben könnten verschwinden. Denken Sie an einfache Sachbearbeitung, Datenerfassung, Standard-Buchhaltung oder repetitive administrative Tätigkeiten. Gleichzeitig entstehen neue Chancen in Bereichen wie Datenanalyse, Cybersecurity, KI-Entwicklung, Bildung oder Gesundheitswesen. In solchen Situationen wird professionelle Karriereberatung besonders wichtig. Wer früh erkennt, wie sich sein Beruf verändert, kann gezielt neue Kompetenzen aufbauen.

Vielleicht stellen Sie sich gerade selbst eine Frage: Wird mein Job in zehn Jahren noch existieren? Die bessere Frage lautet oft: Wie wird sich mein Job verändern?

Szenario 3: Die große berufliche Neuorientierung

Das dritte Szenario ist das radikalste. Hier verändert KI nicht nur einzelne Aufgaben – sondern ganze Berufsbilder. Schon heute entstehen neue Rollen: KI-Trainer, Prompt-Designer, Datenethiker, Automatisierungsberater oder AI-Produktmanager – (m/w/d). Vor wenigen Jahren kannte kaum jemand diese Berufe. Was bedeutet das für Arbeitnehmende? Berufliche Neuorientierung wird zunehmend normal. Viele Karrieren verlaufen nicht mehr linear, sondern bestehen aus mehreren Etappen.

Die Frage lautet also nicht mehr: Werde ich mein ganzes Leben denselben Beruf ausüben? Sondern: Wie oft werde ich mich neu erfinden?

Was Arbeitnehmende jetzt tun können

Die gute Nachricht: Niemand muss diese Veränderungen passiv abwarten. Viele Strategien aus moderner Karriereberatung und Karriere Coaching helfen bereits heute dabei, sich auf den Wandel vorzubereiten.

#1: KI verstehen statt fürchten

Viele Arbeitnehmende erleben KI zunächst als Bedrohung. Doch die entscheidende Kompetenz besteht darin, Ergebnisse kritisch zu prüfen, sie zu verstehen und produktiv einzusetzen.

Wie können Sie das konkret tun? Heute gibt es zahlreiche kostenlose Möglichkeiten zur beruflichen Weiterbildung im Bereich künstliche Intelligenz. Kostenlose Onlinekurse bieten beispielsweise Universitäten und Lernplattformen. Besonders beliebt sind Kurse zu „Prompt Engineering“, Datenanalyse oder Automatisierung. Plattformen wie Coursera, edX oder YouTube bieten komplette Einsteigerprogramme – häufig kostenlos oder sehr günstig. Auch viele Unternehmen stellen interne KI-Trainings bereit. Wer sich aktiv damit beschäftigt, kann seine Produktivität deutlich steigern.

Neben dem Erwerb von KI-Grundlagen macht es Sinn, sich in seinem Fachgebiet eine Doppelkompetenz aufzubauen, so zum Beispiel KI plus Medizin, KI plus Recht oder KI plus Sales. Schon heute zeigen Studien eine deutliche Zunahme an Stellenausschreibungen mit KI-Bezug. Im Personalwesen beispielsweise gehen die Stellenausschreibungen seit 2022 insgesamt zurück, doch HR-Stellenausschreibungen mit KI-Bezug sind seit Anfang 2025 kräftig gewachsen.

#2: Nicht nur Fachwissen – sondern Problemlösung

KI ist hervorragend darin, Informationen zu verarbeiten. Schwieriger wird es, zumindest aktuell noch, bei komplexen Entscheidungen oder kreativen Aufgaben. Deshalb gewinnen Fähigkeiten wie kritisches Denken, Kommunikation, Kreativität und interdisziplinäres Denken an Bedeutung. KarriereberaterInnen sagen, es geht weniger um einzelne Tools, sondern um Denkweisen.

Fragen Sie sich selbst: Können Sie komplexe Probleme strukturieren? Können Sie Teams führen? Können Sie neue Ideen entwickeln? Diese Fähigkeiten bleiben langfristig gefragt.

#3: Karriere aktiv planen

Früher verlief eine Karriere häufig linear: Ausbildung, Berufseinstieg, Aufstieg im Unternehmen. Heute ähnelt eine Karriere eher einem Netzwerk aus Projekten, Rollen und neuen Kompetenzen. Wer seine Karriereplanung aktiv gestaltet, beobachtet Trends, entwickelt neue Fähigkeiten und überprüft regelmäßig seine Position im Arbeitsmarkt.

Stellen Sie sich daher ruhig eine provokante Frage: Wenn Sie heute noch einmal neu anfangen müssten – würden Sie denselben Karriereweg wählen?

#4: Sichtbarkeit erhöhen

In einer digitalen Arbeitswelt wird Sichtbarkeit immer wichtiger. Recruiter suchen heute häufig direkt in Netzwerken nach Kandidaten. Ein professionelles LinkedIn-Profil, sichtbare Projekte oder regelmäßige Weiterbildung können daher entscheidend sein – besonders bei einer Bewerbung.

Viele Personalabteilungen nutzen inzwischen automatisierte Systeme zur Vorauswahl von Bewerbungen. Wer seine Kompetenzen klar kommuniziert und digitale Profile pflegt, verbessert seine Chancen erheblich.

#5: Mut zur beruflichen Neuorientierung

Der vielleicht wichtigste Karriere-Tipp lautet: Veränderung akzeptieren.

Viele erfolgreiche Lebensläufe bestehen heute aus mehreren Karrieren. Manche wechseln von der Industrie in die Beratung. Andere gehen von der Wissenschaft in Start-ups oder von Konzernen in die Selbstständigkeit. Eine berufliche Neuorientierung ist längst kein Zeichen von Unsicherheit mehr – sondern oft ein Zeichen von Anpassungsfähigkeit. Und dies betrifft vielleicht zunehmend nicht nur den Wechsel der Branche, sondern vermehrt der inhaltlichen Ausrichtung.

Ein Job bleibt sicher

Bei allen Unabwägbarkeiten, denn niemand hat eine Glaskugel, bleibt ein Job sicher: Nennen wir ihn den „Self Development Manager“.

Wer bereit ist, permanent Trends in seinem Job zu analysieren, seine Fähigkeiten regelmäßig weiterzuentwickeln, Weiterbildung zu nutzen und seine Karriere aktiv zu gestalten, wird auch im KI-Zeitalter erfolgreich sein. Bis hin zur Überlegung, was Sie tun wollen, wenn die KI irgendwann in der Zukunft jeden Job erledigt und Staaten ein bedingungsloses Grundeinkommen vergeben. Wofür möchten Sie dann Ihre Zeit produktiv und sinnstiftend nutzen? Oder anders gefragt: Wenn sich die Arbeitswelt ohnehin verändert – warum sollten Sie nicht derjenige sein, der den Wandel für sich nutzt?

Zusammenfassung

Die Karriere im KI-Zeitalter erfordert mehr Eigeninitiative als je zuvor. Mit gezielter beruflicher Weiterentwicklung, kluger Karriereplanung und gegebenenfalls einer mutigen beruflichen Neuorientierung können Arbeitnehmende ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt deutlich verbessern – und ihre nächste Bewerbung erfolgreich gestalten.

Autoreninformation

Die Frankfurter Psychologin Elke Wagenpfeil ist Expertin rund um Job & Karriere und Mitglied bei der Deutschen Gesellschaft für Karriereberatung. Viele Jahre hat sie selbst als Personalerin in einem internationalen Konzern Führungskräfte bei Personalbesetzungen weltweit beraten.